Mein Laufzettel sagt mir, daß im Keller des Prüfungsgebäudes ein internistisches Fallbsp. auf mich wartet, das in eine Reanimation münden wird. Auf die Art und Weise wird erstens ein wenig Diagnostik geprüft, und zweitens die berühmte
Liste 1, die genau festlegt, wem ich unter welchen Umständen was in den Mund sprühen darf, sowie der Reanimationsalgorhithmus mitsamt Qualität von Beutelbeatmung und Herzdruckmassage - das betrifft eine Hälfte der Kursteilnehmer. Die andere muß ein praktisches Traumabsp. nach
PHTLS absolvieren.
So steigen wir uns also zu ca. zehnt in dem schmalen Gang vorm Eingang zu den Prüfungsräumen gegenseitig auf die Füße. Da drin sollen wir beweisen, daß wir's wirklich drauf haben. Die Nervosität aus dem prä-Prüfungsstadium scheint bei uns allen jetzt etwas abgeflaut, überlagert von Erleichterung, das endlich mal was weitergeht, denn die ersten beiden Prüflinge sind schon drin ... auch wenn wohl jeder irgendwie Gänsehaut hat, wenn er dran denkt, daß er dann wirklich irgendwann in absehbarer Zeit dran ist. Nach ca. einer gefühlten Ewigkeit streckt der Prüfer und Lehrsani den Kopf durch die Tür und ruft "Der nächste Reanimateur bitte!" in die Runde, was alle leisen Unterhaltungen sofort zum Verstummen bringt.
Schweigen. Keiner rührt sich.
"Ja, ok, ich komm schon." Ich wuzzl mich aus der hintersten Reihe nach vorn und werde hinein zum entsprechenden Raum geführt. Man kann in diesem Keller so einiges üben - Bergung aus und Versorgung in unwegsamen Gelände, Unfälle auf Baustellen und mit Motorrädern und Autos (auch mit überschlagenen), und es gibt auch ein komplett eingerichtetes kleines Zimmer, mit Sofa, Bett, häßlichem Großtanten-Vitrinen-Wandverbau und der häßlichsten Tapete, die ein Designer je erdacht hat. Vor letzterem steh ich jetzt, die Tür ist verschlossen, der Zivi, mit dem ich das Beispiel durchziehen soll, steht mit mir draußen und meint nur "Du weißt eh ..."
"Jaja, du hast keine Ahnung von nichts", vervollständige ich und werfe nochmal einen Blick in den Rettungsrucksack und auf das
LP12. Alles sieht gut aus. Na dann, let's get it on ...
Berufungsursache: Zimmerbrand, ein Patient wurde von der Feuerwehr aus der verrauchten Wohnung geborgen. Auf die unvermeidliche erste Frage, ob alles sicher ist, kommt die Antwort ja, also gehört der Patient/Prüfer, der im häßlichsten Zimmer der Welt auf einem Sessel sitzt und hustet, mir.
Neben der üblichen Anamnese gebe ich meinem Zivi Anweisungen (Sauerstoffgabe, Sauerstoffsättigung anklipsen, ....), die allerdings alle in der Luft verpuffen. Der Gute steht da, die Sauerstoff-Maske in der Hand und schaut mich groß an.
Lieber Himmel, der hat wirklich keinen Plan (oder er tut ganz oscarverdächtig so).
Einen letzten Versuch starte ich noch und will meinen Statisten Blutdruckmessen lassen, aber auch das scheitert - gut, dann mach ich eben alles selber. Druck 140/90, Puls 90 rhythmisch, EKG zeigt Sinusrhythmus, Sättigung 94. Währenddessen erkläre ich dem Patienten, daß er jetzt gleich einen
Spray von mir bekommen wird, der ihm das Atmen erleichtert, frage Vorerkrankungen und Kontraindikationen ab und erkläre ihm, wie das Inhalieren funktioniert. Klappt alles bilderbuchmäßig.
Als mir der Prüfer erklärt, daß der Patient plötzlich bewußtlos wird, bin ich auf perverse Art erleichtert - sobald man reanimiert kann man kaum mehr etwas falsch machen, der Algorhithmus ist nach Jahren des Trainierens und Unterrichtens mittlerweile so eingebrannt, daß es keinen Unterschied mehr macht ob ich ihn morgens um 9 anwende oder mitten in der Nacht deswegen aufstehen muß - das sitzt. Der Zivi wird von mir - ausgleichende Gerechtigkeit? *hrhrhr* - zum Drücken verdonnert, ich kümmere mich um Anlegen der Defi-Elektroden, Notarzt-Verständigung und Beatmung.
2 Schocks später hat die
Puppe , an die mein Prüfer danked den Reanimationsteil abgetreten hat, wieder Atmung und Puls. Mission accomplished.
Mein Prüfer und sein Beisitz, die mir beide genau auf die Finger geschaut haben, haben kaum etwas Negatives anzumerken. Das einzige, was man mir ankreiden konnte, war, daß ich vergessen hatte, den Reservoirbeutel an den Beatmungsbeutel anzustecken - ich gestehe, darauf hatte ich bei der Rucksackkontrolle nicht geachtet. Gab aber nur geringen Punkteabzug :)
Als ich, 50 Kilo leichter, die Prüfungshalle verlasse und wieder hinaus in den Gang trete, prasseln von allen Seiten die Fragen daher - wie war's, was war's, wurde fies geprüft, welche Fallen gab's? Ich gebe eine kurze Zusammenfassung und weiter komm ich auch nicht, denn der erste Kollege von der theoretischen Prüfung, die im Obergeschoß stattfindet, kommt durch die Tür, und zwar mit den Worten: "Ich bin durchgefallen."
m_i_a - 22. Jan, 09:15