Ein Gefühl

Die Ledercouch im Aufenthaltsraum ist bequem, in den warmen Sommermonaten aber bisweilen etwas klebrig. Unter Geräuschen, wie sie Schuhsohlen machen, wenn man über Fußboden geht, auf dem Cola ausgeschüttet wurde, dreht man sich da in ruhigen Stunden von links nach rechts und von rechts nach links, schaut die x-te Wiederholung der Simpsons und feinstes Bildungsfernsehen aus Österreich und Deutschland (haben die Schweizer eigentlich gar keine solchen Abgründe?) und döst ein wenig vor sich hin, bis die nächste Ausfahrt ansteht.

Oft kommt man ja eh nicht dazu ein wenig zu entspannen. Aber ich liege hier jetzt schon ein Weilchen mit meinem Team herum, mein Sani pennt mit unglaublich weit aufgerissenem Mund, den Wachheitsstatus meines Lenkers kann ich nicht genau erkennen, dazu müsste ich den Kopf drehen. Und ich lieg hier doch grad so gut ... die Sonne scheint bei den nicht ganz sauberen Fenstern herein und zeichnet Muster auf den abgenutzten Holzfußboden, von draußen hör ich gedämpftes Gelächter aus der Raucherecke, im Fernsehen rettet Marge Homer aus irgendeiner peinlichen Situation ... Rettungsdienstidylle pur.

Ich weiß im ersten Moment nicht, wie lange ich geschlafen habe, als das Diensthandy läutet. Auf Autopilot hebe ich hab, höre die ewig gleiche Stimme (die aber immer jemand anderem gehört) aus der Einsatzzentrale am anderen Ende: "Einsatz!" und brumme etwas in Richtung meines Teams, das aber ohnehin schon dabei ist, noch mit halbgeschlossenen Augen die Schuhe anzuziehen. Auf das Handyläuten, bzw. den SMS Ton sind wir alle konditioniert wie die ultimativen Pawlowschen Hunde. Ertönt eins dieser beiden Geräusche, zieht jeder irgendwas an das grad in seiner Nähe liegt (nicht nur einmal fand ich mich danach in einer fremden Jacke wieder) und trottet dorthin, wo vermutlich das Auto steht.

Gähnend zücke ich im RTW das Einsatzprotokoll und werfe den ersten Blick auf's Display des Datenfunks, das uns den Einsatz komplett mit Adresse und Berufungsursache zeigt. Eine leichte Bewußtseinstrübung (die 3. heute), etwa 10 Minuten entfernt. Nix, worüber man sich aufregen müsste.
Mein Lenker wuchtet sich auf den Fahrersitz, dreht das Blaulicht auf, und fährt los. Aber irgendwas stimmt hier nicht, auch wenn ich nicht sagen kann. was. Ich verpasse mir 2 gedankliche Ohrfeigen, schüttle mal kräftig den Kopf, lasse das Beifahrerfenster runter damit mir der Fahrtwind vernünftig ins Gesicht bläst und zwinge mich zum Aufwachen.

Ich kritzle die Adresse aufs Protokoll, funke ein wenig, und denke mir irgendwann, als der Schlaf allmählich verfliegt und das strange Bauchgefühl bleibt, dass wir für so eine banale Berufungsursache doch ziemlich flott unterwegs sind. Der RTW schleust sich sehr dringlich durch den Nachmittagsverkehr. Mein Bauchgefühl kriecht irgendwann aus dem Bauch den Rücken hinauf in Richtung Nacken und sitzt dort. Nicht unangenehm, oder störend. Es sitzt nur dort und macht mich etwas kribbelig. Das tut es sonst eigentlich nicht.

Mein Lenker sagt nicht viel während der Fahrt, aber okay, das tut er nie. Nachdrücklich hörndlt er sich durch die Stadt, bläst sich stärker als sonst die Straße frei und geht öfter als sonst auf Konfrontationskurs mit dem Gegenverkehr als ich es von ihm gewohnt bin. Als wir bei einem netten kleinen Häuschen im Grünen ankommen kommt über Funk die Info aus der Leitstelle "Leute, das ist eine Telefonreanimation."

Der Rest läuft wie gehabt. Reanimationsalgorithmus, ich versemmle 2 Zugänge (ohne Kreislauf sticht es sich nicht einfach nicht gut), mein Lenker intubiert, der Notarzt erklärt unsern Patienten nach einer Viertelstunde Wiederbelebung und ein bisl Adrenalin im Beisein der Familie offiziell für tot. Alles sehr in Ordnung, die Angehörigen sind gefaßt - mit knapp 100 Jahren darf man sterben, das ist schon in Ordnung, aber eben trotzdem nicht schön - der Notarzt ist okay, man kann nicht klagen.

Wie immer dauert der Papierkram und das Reden mit der Familie unterm Strich länger als die eigentlichen medizinischen Maßnahmen. Schließlich trete ich aus dem Häuschen hinaus zu dem Schattenparkplatz, wo mein Sani inzwischen den Defi wieder nachgefüllt hat und mein Lenker mit Sonnenbrille und einer Zigarette im Mundwinkel an den RTW gelehnt dasteht. Sein Gesicht verzieht sich zu einem Zwischending aus einem Lächeln und etwas anderem und er meint: "Manchmal weiß man's vorher schon, findest du nicht?"

Ja. Manchmal weiß man's wirklich vorher schon. Egal, was da eigentlich am Display steht.

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Ein bunter Mix aus Sanitätergedanken, Studentenqualen, zuwenig Schlaf, drei Jobs und einem zum Teil etwas wirren Privatleben. Lesen auf eigene Gefahr. Dass Beiträge immer verständlich und klar formuliert sind, wird hier nicht garantiert.

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