Montag, 12. November 2012

... und es ist weg ...

Die alte Dame liegt, betreut von einem bemühten, jedoch etwas planlos wirkenden Hausarzt und umringt von Familie aller möglichen Altersgruppierungen, die besorgter nicht sein könnte, in einem riesigen, alten Bett in ihrem Schlafzimmer.

Ich hasse diese Betten. Riesengroß, meistens mit massivem Holzrahmen und Matrazen, die so weich sind, dass du dich nicht draufknien kannst, ohne:
a) das Gleichgewicht zu verlieren
oder
b) dich unweigerlich zu fragen, ob das hier wirklich einfach nur weich ist, oder vielleicht doch aus irgendwelchen Gründen schon eklig. Und du MUSST dich aber draufknien. Anders ist es nicht möglich, dem Patienten die Sauerstoffmaske auf Gesicht zu drücken oder ein EKG zu schreiben.

Außerdem füllen besagte Betten meist das gesamte, ohnehin nicht große Schlafzimmer aus. Das, wie anfangs schon festgestellt, bereits durchaus gut mit Menschen gefüllt ist. Erst, nachdem ein Teil der Familie gebeten wird, im Wohnzimmer zu warten, finden wir irgendwo ein Plätzchen für den Rucksack, woanders ein Plätzchen für das LP12 und, oh Wunder, auch ein Fleck für die tragbare Sauerstoff-Flasche ergibt sich.

Der Hausarzt - wie eingangs angedeutet - weiß nicht so recht, wie er das Problem hier lösen soll (das zum ersten aus dem bereits recht biblischen Alter der Patientin besteht, zum zweiten aus akut aufgetretener Schwäche, und zum dritten aus Atemnot und Herzrhytmusstörungen - die zwar lästig sind, aber noch kein gröberes Eingreifen erfordern). "Es wird alles wieder, keine Sorge, Sie san bald wieder fit", rezitiert er immer wieder, als wäre es sein persönliches Mantra. Ob er sich selbst oder die Patientin, die ihn mit weit aufgerissenen Augen ansieht, beruhigen will, erschließt sich nicht so ganz.

Unser NEF Doktor popelt in Rekordzeit einen rosa Venflon dorthin, wo er hingehört, die Infusion hängt, der Sauerstoff fließt nun schon seit geraumer Zeit in rauhen Mengen, eine wirkliche Verbesserung erkennt man trotzdem nicht.

Nun ja, was soll man machen - zur Abklärung ins Spital, nicht wahr.

Es wird genickt (Familie: besorgt, Hausarzt: erleichtert); wir packen uns, unsere Gerätschaften, den Arzt, die Patientin zusammen. Diese sträubt sich, soweit es ihr Zustand zuläßt: "Nein, ins Krankenhaus will ich nicht. Bitte nicht." Gut verstehen kann man sie nicht, aber sie begreift eindeutig was passiert. Unsere Standardfloskeln hört sie zwar, wirft sie jedoch kopfschüttelnd ab. Aber sie kennt das Spiel, in den letzten Jahren ihres Lebens hat sie die Diskussion mit dem Rettungsdienst häufig geführt, und sehr oft verloren, wie die sagenhaft dicke Mappe an Spitalsbefunden beweist. Sie ergibt sich rasch in das Umgelagertwerden auf die Trage, das Zugedecktwerden mit 2 Decken (es ist kalt draußen), in das etwas rumpelige zum RTW-Gerollt-Werden.

Es ist "mein" Transport. Ich stecke die Sauerstoffmaske auf die Bordversorgung um, bringe das Monitoring an - der Puls eiert unschlüssig zwischen 90 und 120 Schlägen, die Sättigung begeistert mich mit etwa 90 % bei knapp 10 L/Min nicht wirklich, aber auch mit mehr O2 bringen wir sie beim besten Willen nicht weiter rauf.
"Wir fahren jetzt los, es wird ein bisschen schaukeln, aber es kann nichts passieren. Sie sind angeschnallt, sie können nicht von der Trage rutschen. Und der Herr Doktor und ich sind da, wenn Sie sich nicht wohl fühlen, sagen Sie bescheid, okay?"
Die Patientin gibt ein zustimmendes Geräusch von sich, aber ihre Augen blicken mich anklagend an (Du bringst mich jetzt ins Krankenhaus!)

Wir fahren los, das NEF voran, wir hinterher, beide mit viel-bunt, aber wenig-laut. Man muss ja nicht mitten in der Nacht die halbe Stadt aufwecken, und mit vorausschauendem Fahren und guten Alternativrouten wenn es irgendwo staut, hat mein Lenker noch allemal auch ohne Tatütata mehr Zeit gutgemacht, als durch hirnlosen Gasfuss und blindes Vorpreschen.

Ich schreibe meine Doku, der Doc schreibt seine, wir plaudern ein wenig, gucken hin und wieder auf den Monitor, wo die Werte sich kaum ändern und auf die Patientin, die schicksalsergeben an die Decke blickt. Die Fahrt dauert trotz Sondersignalen ein Weilchen - das Haus ist nicht grad um die Ecke, aber es war nichts Näheres frei - und so erfahre ich neuesten Klatsch und Tratsch aus benachbarten Rettungsstationen, höre, welche Abteilungen welcher Krankenhäuser sich heute schon besonders ausgezeichnet haben und gebe ein wenig meinen Senf dazu.

Wir durchqueren die Einfahrt ins Spital. Die Herzfrequenz liegt jetzt bei 60. Und da bleibt sie auch. Kein arrythmisches Herumspringen mehr. Sättigung liegt weiter konsistent bei etwa 90 %. Ich werfe einen Blick auf die Patientin. Noch immer hält sie die Augen auf die Decke gerichtet, aber das Licht ist aus ihnen gewichen. Gleichmäßig, aber etwas flach hebt sich ihr magerer Brustkorb. Das Gesicht wirkt eingefallener, als vor 15 Minuten, als wir sie aus ihrem Bett gehoben haben, in dem sie so gern liegen bleiben wollte.

Wir bleiben vor dem Pavillon stehen zu dem wir wollten, ich stehe auf, packe sie an der Schulter, spreche sie laut mit Ihrem Namen an, aber bekomme keine Reaktion. Leer blicken ihre Augen durch mich hindurch. Ihr Bewußtsein - ihre Seele? - ist schon fort, aber der Körper mag sich noch nicht lösen, er hat so lang gearbeitet, 24 Stunden am Tag, über Jahre und Jahrzehnte hinweg, er macht jetzt noch ein Weilchen weiter.

Wir übergeben die Patientin, die in ein Doppelzimmer geschoben wird (etwas Privateres ist nicht frei im Augenblick), machen den RTW wieder einsatzbereit, verabschieden uns vom NEF und fahren weiter.

Und ich frage mich - was war wohl das letzte was sie gehört hat? Wie der Arzt und ich die aktuellen Menüs in den Krankenhauskantinen bekrittelt haben? Musste sie sich gerade unsere Meinung über verkochtes Gemüse mit klumpiger Bechamelsauce anhören?

Ich wünsche mir, unser System wäre menschlicher.
Ich wünsche mir, Menschen könnten leichter akzeptieren, wenn ein Leben zu Ende geht und würden dafür mehr tun, dieses Ende angenehmer zu gestalten.
Und ich wünsche mir, nicht die weißen Silikonfugen an der Decke des RTW wären das letzte gewesen, was meine Patientin gesehen hätte, sondern die Gesichter ihrer Lieben.
Potassium (Gast) - 14. Nov, 19:48

so packend...so wahr...ein klassischer eintrag von dir. man fühlt mit dir!

mia (Gast) - 29. Nov, 20:35

danke :) ich hätt ja gern eine ausführlicheren eintrag zu deinem bauchaortenaneurysma ;)
Sash (Gast) - 27. Nov, 07:34

Vielen Dank!

Ein sehr schöner Artikel zu einem sehr wichtigen Thema. Selten so einen beeindruckenden Text dazu gelesen. Danke!

mia (Gast) - 29. Nov, 20:34

vielen dank :)
Isa (Gast) - 27. Nov, 22:46

Wer hätte entscheiden können, die alte Dame einfach in Ihrem Bett zu lassen? (sie selbst ja offenbar nicht :-( )

Das ist nicht als Vorwurf gemeint, ich würde es wirklich gerne wissen.

mia (Gast) - 29. Nov, 16:25

Ältere Menschen sind oft besachwaltet, was bedeutet, dass ein Verwandter oder ein Anwalt mit der Entscheidung über bestimmte Fragen (medizinischer/finanzieller/... Natur) betraut ist, weil man dem Betroffenen selbst die geistige Kapazität abspricht, die Entscheidung treffen zu können (z.B. aufgrund Demenz).

Ich habe es schon erlebt, dass unsere Notärzte sich bei solchen terminalen Patienten dann mit den Angehörigen hinsetzen und die Situation kurz erklären - nach dem Motto: schauen Sie, es schaut leider so aus, als würde Ihre Großmutter/Mutter/... die Nacht nicht überstehen. Es gibt jetzt die Möglichkeit, sie hier zu Hause zu lassen, wo sie im Kreis ihrer Angehörigen friedlich einschläft, oder, wir verbringen sie in ein Krankenhaus, wo sie im Falle eines Atem-Kreislauf-Stillstandes reanimiert werden wird (sofern keine anders lautende Verfügung des Patienten vorliegt).

Viele Angehörige entscheiden sich nicht für die Möglichkeit, die Patienten zu Hause zu lassen, muss man ehrlich sagen - der Umgang mit dem Thema Tod ist in unserer Gesellschaft ziemlich verkümmert. Aber manche tun es.

Das muss natürlich individuell entschieden werden - hat der Patient Schmerzen, läge es möglicherweise am Hausarzt, vielleicht noch eine Weile vor Ort zu bleiben und die Schmerzmedikation zu übernehmen, damit das "Einschlafen" wirklich so ruhig vonstatten geht, wie wir uns das alle wohl gern vorstellen (nein, ich rede hier jetzt nicht von Euthanasie ... wirklich nur von Schmerzlinderung). Auch psychologische Unterstützung der Angehörigen wäre natürlich wünschenswert in so einem Fall - es ist ja schon doch ein einschneidendes Erlebnis, einem nahen Verwandten beim Sterben zuzusehen.

Aber, ganz ehrlich - wer kennt einen Hausarzt, zumindest im städtischen Gebiet, der diese Aufgaben übernehmen kann/will? Und wenn er es nicht tut - kann man es ihm wirklich immer verübeln? Das Sterben kann manchmal sehr lange dauern ... und auch der Arzt ist nur ein Mensch, der natürlich irgendwann einmal nach Hause möchte. Und Seelsorger, die zumindest den psychologischen Part übernehmen könnten, sind oft nicht mehr so verwurzelt in unserem Alltag, als dass wir ihnen diese Rolle zukommen lassen möchten. Religion ist außerdem auch nicht jedermanns Sache.

Meiner Meinung nach fehlt es oft an der Möglichkeit, das Sterben zu Hause für alle Beteiligten möglich zu machen - von medizinischer Seite, und auch von sozialer/psychologischer Seite. Es fehlt am Bewusstsein der Angehörigen, dass man einen geliebten Menschen loslassen muss, aber dass man das genauso gut tun kann, während man neben seinem Bett sitzt und seine Hand hält - man muss ihn dafür nicht bei Nacht und Nebel in ein Spital karren lassen.

Wow, das ist jetzt doch ziemlich lang geworden ... ;-)
Isa (Gast) - 29. Nov, 20:09

Vielen Dank für die ausführliche Erklärung!

(Und natürlich überhaupt für die einfühlsam erzählte Geschichte)
Frau M. (Gast) - 15. Mai, 10:06

... vor 6 Wochen habe ich Abschied von meiner Oma genommen, die mich großgezogen hat - von daher ist da noch mal eine andere Bindung dahinter. Vor diesem Abschied hatten wir einen stetigen Wechsel über 2 Jahre zwischen Krankenhaus und Zu Hause. Kaum im KH Kraft geschöpft, dann wieder entlassen und dann wieder in das KH. Eine Pflege zu Hause war nur bis zu einem gewissen Punkt möglich, letztendlich - nach sehr langer Beratung innerhalb der Familie und auch mit meiner Oma selbst - ging es in die Kurzzeitpflege mit der Möglichkeit, im Anschschluss nach der Verhinderungspflege in ein Hospiz zu kommen. Ich selbst habe mir aber klar gemacht, daß sie dieses Hospiz schon nicht mehr erreichen wird - und so war es auch.

Ich/wir hatten das Glück, angerufen zu werden und uns zu verabschieden. Sie sagte, heute ist es so weit - und so war es auch.

Wir wussten im Vorfeld, daß wir nichts unnötig verlängern wollen , von daher - auch wenn es sehr schmerzhaft war und auch heute noch weh tut - bin ich sehr dankbar, diese Erfahrung machen zu dürfen - keiner von uns - eingeschlossen meine Oma - musste lange leiden.

Und was es für uns auch gut verkraften ließ, war die Tatsache, daß das Pflegeheim vom Personal unheimlich menschlich und rücksichtsvoll war in vielerlei Dingen. Und genau das ist ist - die Rücksichtnahme auf die kleinen Dinge und die dazugehörende Menschlichkeit bzw. das Feingefühl im richtigen Maße würden vieles erträglicher und auch einfacher machen - medizinischer Fortschritt hin oder her.

Vielen Dank für diesen Blogeintrag!

m_i_a - 15. Mai, 17:51

Dem ist wirklich nichts mehr hinzuzufügen. Mein aufrichtiges Beileid zum Tod deiner Großmutter ... und mein Respekt davor, wie du und deine Angehörigen euch offenbar mit dem Prozess den Sterbens und den möglichen Optionen auseinandergesetzt habt - Hut ab.

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