Donnerstag, 29. November 2012

Wenn eine Hernie fliegen lernt

Mein Gott, Kinder können unglaublich laut schreien. Ganz besonders, wenn sie Schmerzen haben.

Ich stapfe mit meinem Team durch ein Fest in einer Schule. Eine geschätzte Milliarde Kinder mit ihren Eltern verstopft die Gänge des ehrwürdigen alten Gebäudes in einem noblen Wiener Gemeindebezirk. Unser Patient liegt im Erste Hilfe Raum am Ende des Ganges, der gut und gerne 20-30 Meter lang ist. Wir können das Gebrüll trotz des soliden Umgebungslärms der Festbesucher schon hören, noch bevor wir überhaupt in den besagten Gang eingebogen sind.

Kindernotfälle sind etwas ganz eigenes. Ich hasse sie wie die Pest und ich kenne auch keinen Kollegen, der bei diesen Einsätzen vollkommen entspannt bleibt. Ja, es gibt Schemata und vorgeschriebene Abläufe und Merkformeln und auf Autopilot funktionieren wir alle wenn wir müssen .. aber vor einem Kind zu hocken, das sich die Seele aus dem Leib brüllt, weil es Angst und Schmerzen hat und zu wissen: okay, jetzt akut kann ich nichts tun, wir müssen halt ins Krankenhaus - das jagt mir jedesmal wieder eine Gänsehaut über den Rücken.

So ist es auch dieses Mal - wir betreten den muffigen Erste Hilfe Raum (warum sehen die eigentlich immer aus wie Abstellkammern?), ich trete an die Liege heran, auf der ein 5jähriger liegt, schon mit ganz rotem Kopf vor lauter Geschrei, und als er mich sieht, legt er noch eins drauf. Ich ziehe, bevor ich mich zu den Kiddies setze, immer die Uniformjacke aus, dann sehe ich nicht ganz so grell und bunt und ungewohnt aus ... aber trotzdem, ich bin fremd und ich gehör "zu denen da", die da jetzt mal im Eck stehen bleiben und mich vorgehen lassen, und im kindlichen Kopf haben "die da" alle Spritzen und machen schreckliche Sachen, die weh tun, und es tut ja jetzt schon alles weh. Ehrlich, ich würde auch schreien, was das Zeug hält.

Innerhalb von ein paar Sekunden klingeln mir wirklich die Ohren, aber ein weiser Satz der Notärztin, die mich ausgebildet hat, setzt sich durch: "Ein schreiendes Kind atmet und darum freuen wir uns, dass es schreit." Ich freue mich also angemessen und lasse mir von der Mutter, die neben dem Kleinen sitzt und ihn liebevoll streichelt, erzählen was passiert ist. In Kurzfassung - Hernie bekannt, man weiß man muss das Ding eigentlich operieren, aber bisher hat sie noch keine Probleme gemacht und man wollte noch ein bisl warten, aber nach einem Hustenanfall hat das Geschrei begonnen und als sie nachgeschaut hat, zeigte sich eine deutliche Wölbung in der linken Leiste und die lässt sich auch nicht mehr zurückdrücken. Sie hebt den Pulli des Jungen an und - ja, da issie, die Hernie, eine stattliche Beule.

Ich verzichte drauf, auch noch dran herumzufummeln, erkläre der Mutter, dass wir uns schleunigst auf den Weg in eine Kinderchirurgie machen werden und überlasse meinem Team den Transport von Zwerg mit Mutter in den RTW. In der Zwischenzeit hänge ich mich ans Telefon, um ein passendes Bett im Fett-Riesen-Großen-Krankenhaus-nur-2-Minuten-entfernt zu organisieren.

Fehlanzeige. Sogar mit dem kreischenden Kind im Hintergrund ist es ein Ding der Unmöglichkeit in besagtem Spital ein Bett zu bekommen, alles dicht. Das nächstmögliche ist im Bezirk gaaaaanz-woanders, fast 20 Minuten entfernt. Die Aussicht auf die Fahrt löst weder beim Team, noch bei mir Begeisterungsstürme aus, kurz wird der Notarzt zur Schmerztherapie angedacht, aber wir lassen es dann doch - bis der Doc da ist, haben wir mindestens schon die Hälfte des Weges hinter uns, und wenn die Darmschlinge wirklich so unwiderruflich eingeklemmt ist, wie es den Anschein hat, sollte man tunlichst schauen, dass man weiter kommt. Wegen Durchblutung und so wär's. Ich rede kurz mit der Mutter - sie stimmt mir zu. Schauen wir, dass wir Meter machen.

"Kannst du bitte fliegen?" frage ich meinen Lenker als wir uns auf den Weg machen und er wirft mir ein süffisantes Grinsen zu und setzt seine Mr-Badass-Sonnenbrille auf.
Und, alter Schwede, der Mann kennt das Auto und weiß genau was er rausholen kann ohne zu ruppig zu fahren - aber nichtsdestotrotz fallen ein paar Absaugkatheter aus dem Behälter an der Wand und die Box mit den Untersuchungshandschuhen klatscht in einer Kurve auf den Boden. Im Nu sind wir aus dem gröbsten Stadtverkehr draußen und auf der Autobahn. Die Mutter, blass bis grün im Gesicht, bittet mich so würdevoll sie kann um ein Speibsackerl, das ich ihr verständnisvoll in die Hand drücke.

Der einzige, dem das alles völlig wurscht ist, ist unser kleiner Patient. Der liegt, eingeschläfert vom Fahrstil meines Lenkers auf der Trage und döst entspannt vor sich hin.

Wir lernen daraus, was viele Eltern schon immer vermutet haben: Autofahren ist und bleibt für viele Kids das beste Einschlafmittel, komme was da wolle. Auch, wenn sich die Erwachsenen dabei übergeben.
Xylo (Gast) - 30. Nov, 09:10

...du schreibst einfach soo genial! ==)

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Ein bunter Mix aus Sanitätergedanken, Studentenqualen, zuwenig Schlaf, drei Jobs und einem zum Teil etwas wirren Privatleben. Lesen auf eigene Gefahr. Dass Beiträge immer verständlich und klar formuliert sind, wird hier nicht garantiert.

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