Das erste Mal...

Vor vielen Jahren hatte ich eine liebe Freundin in einer Parallelklasse. Ich, weil in tiefstkatholischer Einöde lebend, hatte als religiöse Minderheit in den Religionsstunden frei (Ethik oder irgendwas Multikonfessionelles gabs damals nicht). In diesen Freistunden malträtierte ich den Internet-PC im Korridor der meistens so voll mit Viren war, dass er ohnehin nur zum Minesweeper spielen taugte, sass in der Bibliothek und las, zeichnete oder schrieb vor mich hin. Ich begann, diese Freistunde erst kurz vor der Matura tatsächlich effizient zu nutzen (mit Lernen und Aufgaben machen und so).

Tatsächlich habe ich in diesen Freistunden, in denen sich meist die anders-"gläubigen" in der Schule zusammenrotteten - die, für die es sich zumeist nicht auszahlte, eigenen Religionsunterricht zu veranstalten, weil es waren ja nur 4 oder 5, und auch die hatten nicht alle die selbe Konfession - mehr über Religion und Toleranz gelernt als im eigentlichen Schulfach, das mir zu späterem Zeitpunkt aufs Aug gedrückt wurde.

Aber damals war der Schulabschluss, obgleich doch gar nicht mehr sooo weit weg, noch unaussprechlich und unvorstellbar und überhaupt. Es gab auch eine Zeit, da verbrachte ich die Freistunde nicht mit Lesen oder Lernen oder Nasebohren, sondern mit Steffi (nennen wir sie mal so). Steffi, ebenfalls religiös bevorteilt, was die wöchentliche Freistunde anging, war das was ich heute vermutlich "rotzfreches Gör" nennen würde. Wüste Frisur, viel zu ungebremstes Mundwerk, idiotische Ideen erster Klasse. Es war großartig mit ihr, auch, wenn klein-Mia sich zuweilen von Steffi etwas überfahren fühlte (wie es mit beherrschenden Persönlichkeiten halt manchmal so ist). Aber wir hatten unseren Spaß, von den üblichen Mädlsthemen über herzhaftes Ablästern bis hin zu gemeinsamen heimlichen Zigarettenrauchen am Schulhof (an der Schule erst ab 16 geduldet - boooaaaah, was für ein Kick da schon mit 14 rumzustehen und zu paffen, während man verzweifelt versucht auszusehen, als würde man inhalieren).

Mit Beginn des 2. Schuljahres mit Steffi kristallisierte sich heraus, dass für sie ein bestimmtes Thema in ihrem Leben immer vorherrschender wurde. Im September waren wir noch beim guten Vorsatz "ich will abnehmen, weißt du, ich fühl mich so schwabblig." Steffi war nicht dürr, aber von dem, was man hierzulande "blaaad" nennt, weit entfernt. Aber welcher pubertierende Jugendliche war schon mal zufrieden mit seinem Körper? Eben.

Gegen November - man wurde schon wieder an allen Ecken mit Weihnachtsdeko und Keksen konfrontiert - lehnte Steffi nicht mehr nur rigoros Süssigkeiten sondern jegliches Essen ab. Über Weihnachten dürfte es zu Hause heftig gekracht haben, denn im neuen Jahr erklärte Steffi mir, sie würde jetzt wieder essen, aber der Gedanke, wieder zuzunehmen (immerhin 3 Kilo hatte sie sich schon abgezwackt zu diesem Zeitpunkt) würde ihr schwer zu schaffen machen. Genauso wie der ständige Kampf ums Essen zu Hause mit den Eltern.

"Aber, weißt, es gibt eine Lösung." Wir saßen gerade in einem verlassenen Winkel der Schulbibliothek, als sie mir das sagte und an das verschwörerische Blitzen in ihren Augen erinnere ich mich noch genau. "Ich ess das ganze Zeug einfach, und nachher geh ich speiben. Und wenn ich dazwischen Hunger bekomme, ess ich einfach Wattebauschen, die ich mit Orangensaft eingeweicht hab. Das füllt ganz toll den Magen."
Ich war baff.
(Mein eigener Kontakt mit Eßstörungen kam erst später. Zu diesem Zeitpunkt war es für mich völlig unfassbar, dass irgendwer - und schon gar nicht meine starke, tolle Steffi - einer Eßstörung auf den Leim gehen konnte).

Mein Fingerspitzengefühl hielt sich in Grenzen. Ich würde das Gespräch, das danach kam, heute etwas anders gestalten - aber damals tat ich genau das, was mir als erstes einfiel, und das hieß: Fakten, Fakten, Fakten. Ich knallte Steffi alles um die Ohren was ich wusste - Schädigung der Speiseröhre und Zähne, Nährstoffmangel und Haarausfall, dauernder Mundgeruch, etc ... Steffi tat das, was ich Jahre später, wenn mit meinen Problemen konfrontiert, auch tat: sie machte zu, hörte nicht hin, relativierte.

"Aber doch nur bis ich wieder 50 Kilo habe! Dann ess ich ja eh wieder normal."
"Ich mach das ja eh nicht immer!"
"Kannst jetzt bitte endlich damit aufhören?"

Ich wollte sie nicht verlieren, also hielt ich vorerst den Mund - und auch das Versprechen das ich ihr gegeben hatte: niemandem ein Wort zu erzählen. Unsere Freundschaft litt darunter, denn manchmal musste ich einfach wieder mit dem Thema Abnehmen anfangen weil ich Angst hatte - und wenn ich es nicht tat, tat es Steffi. Der Gedanken um essen und kotzen war schon so allgegenwärtig in ihrem Leben, dass sie es gegen Ostern nicht mehr schaffte, es nicht mehr anzusprechen. Ihre Abnehmerfolge waren bescheiden - wie es bei reinen Bulimikern häufig der Fall ist, nahm auch sie durch das Erbrechen nur wenig ab.

Es war Mai, als ich es endlich schaffte sie zu knacken. Meine harte Arbeit gipfelte in Steffis Zugeständnis, dass sie das ständige Kotzen fürchterlich fand, aber nicht mehr wüsste, wie sie davon loskommen sollte.
"Ich muss mich nur noch nach vorn beugen, weißt du, und es kommt schon rauf. Meistens brauch ich nicht mal mehr den Finger. Ich weiß nicht mehr was ich machen soll."
"Und wenn du einfach versuchst, ganz kleine Portionen wieder zu essen? Nur ein kleines bisschen?" schlug ich hilflos vor.
"Aber dann nehme ich ja zu, das geht ja nicht..."

Ich war mit meiner Weisheit am Ende - es musste ein Plan her. Eine Lösung. Irgendwas. Jemand, der Ahnung hatte. Das einzige, was mir einfiel, war die Schulärztin. Die musste doch die Rettung sein. Die hatte da sicher ein Ass im Ärmel. Die musste doch ständig mit sowas zu tun haben - in einer Schule, in der weit mehr als die Hälfte der Schülerinnen Mädchen waren. So konzentrierte ich meine letzten Anstrengungen darauf, Steffi davon zu überzeugen, mit mir gemeinsam zur Schulärztin zu gehen. Alles würde besser werden, wenn ein Arzt Bescheid wusste, der konnte mit den Eltern reden, es gibt Behandlungspläne und ja, es wäre sicher nicht ganz einfach, aber alles würde gut und Steffi würde nicht mehr nach jedem Essen über der Kloschüssel hängen und wir könnten auch wieder mal über etwas anderes reden als Gewicht und Essen und Nicht-Essen.

Es war am letzten Schultag dieses turbulenten und anstrengenden Schuljahres, als ich es geschafft hatte, Steffi und die Ärztin an einen Tisch zu bringen. Frau Doktor machte sich keine allzugroße Mühe, ihr Desinteresse irgendwie zu maskieren. Auch sie, wie sie kerzengerade dasitzt und über unsere Köpfe hinweg beim Fenster hinaussieht, seh ich jetzt, 15 Jahre später, noch genau vor mir.

"Also, warum sind wir jetzt alle hier?"
Steffi brauchte 3 Anläufe, bevor sie langsam und zähflüssig den Satz "ich geh nach dem Essen immer kotzen ... ich glaube ich hab Bulimie" herausbrachte. Ich war schrecklich stolz auf sie, dass sie es endlich geschafft hatte, das Problem auszusprechen. Und Hilfe zu suchen.
"Hmm", erwiderte die Schulärztin nach einer kurzen Pause. "Naja, am besten kommst du dann nach den Ferien wieder und wir überlegen uns dann was, ok?"
Sie stand auf, nahm ihre Tasche und ging.

Ich hatte Tränen in den Augen vor Zorn und Wut und Demütigung und Steffi muss sich noch viel schlimmer gefühlt haben. Noch niemals hatte ich mich von jemandem so im Stich gelassen gefühlt wie von dieser Ärztin. Steffi und ich gingen vor der Schule auseinander und haben uns während der Ferien nicht gesehen oder gehört. Ein, zwei Mal schrieben wir uns Briefe, aber irgendwann kam keine Antwort mehr. Im darauffolgenden Herbst, als ich sie wieder traf und fragte, wie es ihr gehe, musterte sie mich mit einer Mischung aus Abschätzigkeit und Mitleid, als sie sagte "Weißt du, ich hab das so gemacht, wie du vorgeschlagen hast. Ich hab einfach ganz kleine Portionen gegessen zum Anfangen, und jetzt geht's wieder."
Sie drehte sich um und ging.

Wir haben nie wieder miteinander geredet.

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Zuletzt aktualisiert: 28. Jan, 01:32

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Eh klar. Alles erstunken und erlogen. Keine Ähnlichkeiten zu wem auch immer, egal ob lebend, tot, fiktional. Und mich gibt's in Wirklichkeit auch nicht.

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