Dienstag, 31. Dezember 2013

Eine Berührung. Und ein zweites Mal.

Ich muss gestehen, ich bewege mich im Dienst selten wirklich schnell. Also so im Sinne von Laufen. Laufen verursacht Stress, Stress verursacht Fehler, Fehler sind nicht gut für den Patienten, etc. You get the idea.

Aber als sie da so draußen in der Hauseinfahrt steht und winkt, da kommt schon dieses Gefühl hoch, dieses "umpf". Diese Vorahnung, dass die Berufungsursache "ineffektive Atmung" vielleicht diesmal ausnahmsweise tatsächlich etwas mit der Realität zu tun hat. Das "umpf" wird innerhalb kürzester Zeit overrult von "OK, wir brauchen das EKG und den Rucksack und den Sauerstoff und *WAS* ist hier eigentlich los?" ... aber es bleibt. Ein kleines bisschen.

Eigentlich ist es interessant, wieviel man schon am Gesichtsausdruck der Angehörigen ablesen kann. Im Gesicht der jungen Frau vor mir erkenne ich Abgeklärtheit, gepaart mit Hoffnung und Verdrängung. Und einer gewissen Leere, die eigentlich nur Menschen zeigen, die ganz genau wissen, was hier los ist, und die begreifen, dass es nichts gutes ist - auch wenn sie das vielleicht nicht verbalisieren können. Diese Leere verstärkt das "umpf", das wie ein kleiner Kloß im Magen liegt. Nicht hinderlich oder unangenehm - nur warnend.

"Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich habe die Tür aufgesperrt, aber ich weiß nicht, was da passiert ist."
Das "umpf" läßt mich schneller gehen. Deutlich schneller. Mein Team eilt flotten Schrittes hinterher.
"Um wen geht es denn?"
"Meine Großmutter."
"Hat sie noch mit Ihnen geredet, bevor Sie die Rettung angerufen haben?"
"Ich weiß nicht."
"Waren Ihre Augen denn noch offen?" (Gib mir IRGENDEINE Info, Mensch, bitte!)
"Ich weiß nicht."

Der Weg von der Hauseinfahrt bis in die Wohnung fühlt sich lange an. Realistisch betrachtet sind es vielleicht 2 Minuten. Mein Hirn fühlt sich an wie eine Festplatte, die knapp nacheinander verschiedenste Programme abtestet - effizient, emotionslos, routiniert. Reanimation, eventuell mit schwieriger Bergung. Psychische Betreuung. Starke Blutung. Alkoholisierter Patient. Psychose. Hypo.

Die Angehörige sperrt umständlich die Wohnungstür auf (wofür sperrt man die nochmal genau ab, wenn man den Rettungsdienst eigentlich schnellstmöglich reinlassen möchte?).

"Wohin müssen wir?"
"Badezimmer."

Die älteren Wohnungen dieser Stadt sind nicht unbedingt für ihre großzügigen Bäder bekannt. Auch in diesem ist es eng, etwas stickig und man findet den verfluchten Lichtschalter nicht sofort. Ein großer Schritt und ich stehe vor der Badewanne. Darin befindet sich eine menschengroße Silhoutte, reglos, erkennbar im Streulicht aus dem angrenzenden Raum. Ich fasse dorthin wo ich die Schulter vermute und ergreife etwas, das sich auch in etwa so anfühlt.

Mein Kollege findet in just diesem Moment endlich den Lichtschalter.

Neben der Badewanne etliche leere Blister eines starken Beruhigungsmittels. Kein Blut.
Dass keine Erste Hilfe Maßnahmen, keine Reanimation, kein gar nichts mehr durchgeführt werden muss, wird spätestens jetzt klar. Mein Griff an der Schulter dreht die Patientin aus seitlicher Position auf den Rücken, der komplette Körper ist steif, ihr Gesicht wirkt entspannt. Ihr Schultergelenk knackst, als würde sie sich gegen das Bewegtwerden aus der Position, in der sie endlich Ruhe gefunden hat, wehren wollen.

"Soll ich eine Nulllinie schreiben?" fragt mein Kollege hinter mir.
"Ja. Und bitte auch die Körpertemperatur erheben."

Ich trete aus dem Mini-Bad heraus um meinen Kollegen genug Platz zum Arbeiten zu geben. Mein Lenker erwartet mich vor dem Bad mit professionell-gefaßtem Gesicht.
"Können wir der Angehörigen schon etwas sagen?"

Das Fazit lautet: Das Überbringen derartiger Nachrichten wird auch beim 2. Mal nicht einfacher. Und wahrscheinlich wird es das nie.

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Ein bunter Mix aus Sanitätergedanken, Studentenqualen, zuwenig Schlaf, drei Jobs und einem zum Teil etwas wirren Privatleben. Lesen auf eigene Gefahr. Dass Beiträge immer verständlich und klar formuliert sind, wird hier nicht garantiert.

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Zuletzt aktualisiert: 28. Jan, 01:32

Disclaimer

Eh klar. Alles erstunken und erlogen. Keine Ähnlichkeiten zu wem auch immer, egal ob lebend, tot, fiktional. Und mich gibt's in Wirklichkeit auch nicht.

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