Sonntag, 30. März 2014

Über die Physik des Motorradfahrens und die Physik der Gedanken

Mein 18jähriger Hintern ruht auf einer durchgerittenen Chopper, der niedrigsten, die die Fahrschule zu bieten hat. Meine Beine erreichen gerade noch den Boden. Mein Fahrlehrer, nennen wir ihn Pepi, hat sich soeben mit einem für mich nur theoretisch nachvollziehbaren Wechselspiel aus Gas und Kupplung im Slalom zwischen etlichen kleinen, orangen Verkehrshütchen durchgeschlängelt. "Denn", so Pepi, nachdem er seinen Helm hochgeklappt hatte, "am Gas drehen kann jeder Idiot. So langsam zu sein, dass du noch voran kommst, aber dabei die Maschine voll unter Kontrolle zu haben, DAS ist Motorradfahren." Ich mochte Pepi nicht wirklich - er war mir zu erwachsen, zu abgeklärt, zu distanziert. Rückblickend betrachtet war jedoch er der Fahrlehrer, von dem ich sicherlich am meisten gelernt habe.

Die Physik des Motorradfahrens ist ohnehin etwas, das man nur durchdenken sollte, wenn man gerade NICHT auf einer Maschine sitzt. Dass man, in einer Kurve liegend, eigentlich nur aufgrund der Haftreibung einer Fläche, die kaum größer ist als 2 Handflächen eines Erwachsenen, nicht ins Grüne katapultiert wird, ist nicht wirklich ein Umstand, der Vetrauen schürt. Zu schnell und du verlierst die Kontrolle. Zu langsam und du kippst.

Weniger aufgrund von Lustmangel denn aus Geldmangel bin ich seit geraumer Zeit nicht mehr selbst auf einem motorisierten Zweirad gefahren, aber Mr. Potassium und Mrs. Potassium (geborene Xylocaine) nehmen mich immer wieder einmal mit auf eine Tour. So sitze ich dann auf dem Sozius, schwelge im Fahrgefühl ohne mich konzentrieren zu müssen, und genieße den Ausblick.

Bewaldete Hügel, aus denen sich Kirchturmspitzen hervorrecken. Vorbei an augenscheinlich zufriedenen, mit Schlamm bespritzten Kühen die auf einer grünen Weide wiederkäuen, vorbei an Buschwindröschen, Veilchen, Primeln, Schneeglöckchen, blühenden Kirschbäumen unter einem absurd blauen Himmel. Durch Ortschaften, in denen schon so lange kein Bus mehr fährt, dass die Haltestellenschilder als solche kaum mehr zu erkennen sind und wo nicht das nächste Fastfoodrestaurant beworben wird, sondern "Karls Regenwurmhumus" und das nächste "Stadlfest". Hindurch durch landwirtschaftliche Gerüche, den Duft von frisch geschnittenem Holz, sinnierend über alles Mögliche und Unmögliche.

Die Schattenmuster, die Bäume auf den Helm vor mir malen, sind so schnell wieder fort wie manche Bilder und Gedankenfetzen in meinem Kopf. Ohne Unterbrechung durch Facebook, Handy & Co können die Gedanken schweifen, hemmungslos vom letzten Dienst zu längst eingeschlafenen Volksschulfreundschaften, zu Zukunftsplänen springen.

In bester Laune kommen wir nach einer ausgiebigen Tour die uns bis nach Oberösterreich geführt hat, abends wieder in Wien. Es ist schon dunkel, meine Knie und mein Sitzfleisch protestieren trotz etlicher Pausen vehement gegen das lange Sitzen dieses Tages, wir sind alle etwas durchgefroren, aber ich fühle mich so entspannt und so wohl wie lange nicht mehr.

Unnötig zu erwähnen, dass ich vor über 10 Jahren auf dem Übungsparkplatz alle Hütchen bis auf 2 überfahren, touchiert oder verschoben habe. Und nicht nur das, zu guter Letzt bin ich mitsamt meiner Chopper, im Bestreben, jetzt aber möglichst langsam zu fahren, auch noch einfach umgekippt.

Mein rasendes Inneres aber hat heute gebremst und die geringstmögliche Geschwindigkeit eingenommen, die es benötigt, um nicht umzufallen. Pepi wäre stolz.
Jack (Gast) - 9. Apr, 15:27

schwarz auf weiß

Ich habe gerade etwa fünfzehn Mal oben rechts auf den Button "nächtes Blog lesen" geklickt und bin hier gelandet.

Nun habe ich ungefähr zehn Einträge gelesen, und obwohl (oder weil) wir uns nicht kennen und wohl auch nie begegnen werden, sage ich es in aller Deutlichkeit: Wenn du mal keine Lust mehr auf dein Berufsleben hast - schreib. Was du hier hinlegst, ist *sehr* lesenswert!

Ich werde ab sofort auch die Augen zumachen bei Knäckebrot. Die könnten eigentlich so kompostierbare Einmalbrillen an die Packungen kleben.

m_i_a - 15. Apr, 18:49

*verneig*
Wir sollten uns zusammentun, wegen dieser Sache mit den Einwegschutzbrillen. Das klingt nach neuem Geschäftsfeld ;-)

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Ein bunter Mix aus Sanitätergedanken, Studentenqualen, zuwenig Schlaf, drei Jobs und einem zum Teil etwas wirren Privatleben. Lesen auf eigene Gefahr. Dass Beiträge immer verständlich und klar formuliert sind, wird hier nicht garantiert.

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Eh klar. Alles erstunken und erlogen. Keine Ähnlichkeiten zu wem auch immer, egal ob lebend, tot, fiktional. Und mich gibt's in Wirklichkeit auch nicht.

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