Donnerstag, 28. Oktober 2010

Wenn das Herz stehen bleibt 2/2

"Weiblich, 3 Monate", lese ich vor, ungläubig. Ich lese das ganze leise für mich noch 3x, bevor mir klar wird: Scheiße, das steht wirklich da.

Mein Lenker wiederholt ungläubig "3 Monate?!", reißt für einen Moment den Blick von der Fahrbahn, starrt auf den Schirm, quittiert die Info mit Schweigen und schaltet das Folgetonhorn auf Dauermodus.

Ich rufe dem Team, das im hinteren Teil des RTW sitzt, durch das kleine Schiebefenster, zu, worum es geht. Meistens bewirkt das mehr oder weniger reife Kommentare über den möglichen Unfallhergang ... aber nicht diesesmal.
Die einzige Antwort ist auch hier: "3 Monate?!", ich schreie über das Kompressorhorn, das gerade die Straße freibläst, zurück: "Ja!" und ernte auch hier: Schweigen.

Ich schließe kurz die Augen.

Eines nach dem andern.

Ich falte das Einsatzprotokoll und verstaue es in einer Jackentasche.
Ich ziehe mir Handschuhe an. Vor Jahren, in meinem allerersten Dienst überhaupt, als frischer Azubi am Auto, da haben mir die Hände gezittert, als wir von Einsatz zu Einsatz gurkten. Erste Schlägerei. Erstes Kind mit Atemnot. Erste ausgeschlagene Zähne. Erste gastrointestinale Blutung. Erste unklare Brustschmerzen.
Danach nicht mehr.

Bis heute.

Ich lege die behandschuhten Hände flach auf meine Oberschenkel, zwinge mich zum Tiefdurchatmen – und siehe da, all das Training, der ganze Drill während der Ausbildung, die ganzen Fortbildungen ... alles macht sich bezahlt. Als mir nach Sekunden wie von selbst und ganz mühelos der Reanimationsalgorithmus für Säuglinge einfällt, verschwindet das Zittern, und mit ihm die Nervosität. Beides weicht einer gesunden Anspannung. Ich teile mein Team ein.

Der RTW plagt sich in maximal vertretbarer Geschwindigkeit die Zufahrtsstraße (steil und schmal) entlang, bremst sich vor einem wirklich unbeschreiblich mies beschilderten Häuserkomplex ein – wir sind nach einer wirklich guten Fahrt-Zeit die ersten, noch kein NEF in Sicht – wir springen raus, schnappen die Ausrüstung und sprinten los, auf der Suche nach dem richtigen Gebäude.

Nichts ist beleuchtet, kein Einweiser in der Zufahrt, nirgends ein offenes Fenster ... es dauert einen Moment bis wir das richtige Haus gefunden haben, nur ca 30 Sekunden. Mit dem Bild eines leblosen, blauen Babys im Hinterkopf fühlen die sich allerdings ganz schön lange an....

Unten an der Eingangstür des Wohnblockes steht jemand, winkt uns hinauf in eine Wohnung im ersten Stock.
Zwei Stufen auf einmal.
Um die Ecke.
Durch die Tür.
Vorzimmer.
Wohnzimmer.
(Warum dauert hier auf einmal alles so lange?!)

Und da steht der Großvater des Babys, mit ebendiesem im Arm.
Es ist rosig. Die Augen sind offen. Es bewegt sich. Es atmet.
Es atmet!
Es ist rosig!
Es atmet!

Wir spulen brav unser Programm ab.

Anamnese ("ich glaube, sie hat ganz kurz nicht geatmet, aber sie war nicht blau"). Werte erheben, so gut es bei so einem kleinen Zwuz eben geht (alles im Normbereich). Das NEF kracht ein paar Minuten nach uns in die Wohnung und für die Eltern muß es etwas seltsam ausgesehen haben, wie ein Team von 5 Sanis und einem Notarzt schlußendlich ein auf dem Tisch liegendes Baby einkreist....

"Schau wie süß!"
"Die kleinen Fingerchen!"
"Und die Zehen!"
"So schön, daß wir dich nicht reanimieren müssen ..."
"Und wie fest sie greifen kann!"
.....


Die Erleichterung steht allen ins Gesicht geschrieben, uns fast noch mehr als den Eltern.

Es dauert eine Weile und etliche Zigaretten, bis wir alle unseren Adrenalinflash etwas verdaut haben. Und ausnahmslos alle sind sich einig – zum Glück ist nur uns das Herz stehen geblieben bei dieser Alarmierung, und nicht dem kleinen Zwuz. Du hattest Recht, Wallace ;-)

Man muß wirklich nicht alles haben.
wallace (Gast) - 28. Okt, 18:32

Ein ganz klein wenig hasse ich dich jetzt! ;)
Bis Samstag!

m_i_a - 28. Okt, 18:43

womit hab ich das denn verdient? ;-)
LadylikeKandis - 28. Okt, 20:00

beim lesen eine fette gänsehaut bekommen und fast das atmen vergessen!
ich kann nur immer wieder betonen..(auch aus eigener erfahrung)
es ist gut zu wissen, dass es euch gibt.

lg kandis

mia (Gast) - 1. Nov, 20:56

Danke.... Und manchmal ist es wirklich gut, dann doch nicht gebraucht zu werden... ;-)

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Ein bunter Mix aus Sanitätergedanken, Studentenqualen, zuwenig Schlaf, drei Jobs und einem zum Teil etwas wirren Privatleben. Lesen auf eigene Gefahr. Dass Beiträge immer verständlich und klar formuliert sind, wird hier nicht garantiert.

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