Das Wort ist mächtiger als das Schwert

Freitag, 5. August 2011

Krieg

Heute mit Patenkind die Buchhandlung unsicher gemacht. Das Kind frißt Bücher und ist durch den bloßen Aufenthalt im Geschäft schon für eine gute Stunde beschäftigt, nur mit Betrachten und Lesen von verschiedenen Covern und Abwägen, bei welchem Buch man vielleicht, aber nur vielleicht, Tante Mia fragen kann, ob man es kaufen könnte (nicht weil die Tante Mia so knausrig wäre, aber weil das Kind löblicherweise weiß, daß Geld nicht auf Bäumen wächst).

Tante Mia allerdings ist bei einem Büchlein in der Kinderabteilung hängen geblieben, das so kindlich gar nicht ist:

krieg

Das Projekt "EU - gemeinsames Europa" ist gescheitert. Diktaturen herrschen, mit unterdrückerischen Methoden werden Menschen "verschwunden" ... und die, die zurückkommen, sind nicht mehr die selben. Wer kann, verschwindet, flüchtet in ein anderes Land ... aber die wollen bald keine Flüchtlinge mehr aufnehmen, man hat schnell die Nase voll von den hochnäsigen Europäern, die sich nicht integrieren wollen, weil sie glauben, ihre Art zu leben wäre die einzige richtige, und sie hätten immer recht.

Kurzbeschreibung und Leseprobe:
http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23689-9

Wir haben dann mit einem wohl bekannten Zauberlehrling unterm Arm die Buchhandlung verlassen. Aber ich gestehe, ein Kinderbuch hat es geschafft, mich wieder mal dran zu erinnern, dafür dankbar zu sein, daß ich dort geboren bin, wo ich geboren bin. Keine Ungewißheit über den Verbleib von Freunden und Familie. Keine Flüchtlingstrecks, keine Auffanglager, keine Bomben, keine Minen. Ich kann die Regierung kritisieren, ohne zu fürchten, fortan in irgendeinem Kerker zu vermodern. Ich kann in den Supermarkt gehen und mir zu essen besorgen, worauf ich Lust habe. Ich habe Zugang zu den Medikamenten die ich benötige, und kann sie mir auch leisten. Es geht mir gut.

Sicher, es ist auch bei uns in unserer "ersten Welt" Verbesserungspotential vorhanden. Perfekt ist es sicherlich hier auch nicht. Aber wer hat sich wirklich schon mal längere Zeit - also mehr als einen Urlaub lang - im Ausland aufgehalten und dort gelebt und gearbeitet? Wer weiß wie es ist, sich als Fremdkörper zu fühlen, ständig mit seiner Lebensweise anzuecken? Wer weiß, wie es ist, Erinnerungen an Krieg und Mord und Totschlag und Unterdrückung mit sich herumzutragen, während man versucht, in einem fremden Land irgendwie einen Neuanfang hinzubekommen?

Vor lauter Sudern vergessen wir manchmal doch ganz gern, wie gut wir es haben.

Danke, Janne Teller, das hab ich mal wieder gebraucht :)

Mittwoch, 19. Januar 2011

Best Of - Schauen Sie sich mal diese Sauerei an

... von Jörg Nießen.

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Eine Sammlung von 20 Kurzgeschichten aus dem Rettungsdienst. Der geneigte RDler, der es zur Hand nimmt, wird sich denken "Mein Gott ... so ist es, und nicht anders! Jörg for President!"
Die meisten andern brauchen vermutlich eher starke Nerven.

Am besten gefällt mir allerdings Jörg Nießens wunderbarer Schreibstil ... :-)

Über Sexualunfälle
[...] Dildos aller Art, die vollständig im Körper verschwunden sind und einfach keine Möglichkeit mehr bieten, sie zu packen. Hier gibt es ein schönes überliefertes Zitat eines Chirurgen während einer rektalen Untersuchung: "Raus krieg ich das Ding so nicht, aber ausschalten kann ich es."


Über Alkohol
[...] ist ein sogenannter Wirkungstrinker, d.h. er will was merken, wenn er säuft. Mit anderen Worten, der Verlust der Muttersprache ist hier erklärtes Ziel. Wie heißt es im Volksmund doch so schön: "Halb betrunken ist rausgeworfenes Geld."

Notarzt bei einer im Endeffekt frustranen Reanimation

"Noch fünf Minuten. Wenn er dann nicht wieder anspringt, schwenken wir die schwarzweißkarierte Flagge des Lebens."

Über das Sterben
Sterben ist in Deutschland Glückssache. Wenn Sie irgendwo sterben, hat irgendjemand Scheiße gebaut. Hospize sind eine echte Alternative, aber leider gibt es eine tragische Parallelität zwischen kostenfreien Parkplätzen in deutschen Innenstädten und Hospizplätzen.

Über den Titelsatz des Buches
Mir ging der Satz nicht aus dem Kopf: "Schauen Sie sich mal diese Sauerei an, die mein Mann mir hier gemacht hat." Sicher, das Bad sah aus, als hätte man dort ein Hausschwein mit TNT gesprengt [...]

Fazit:
Für Einsatzpersonal: lesenswert!
Für Neugierige mit starkem Magen: lesenswert.
Für eher zartbesaitete Gemüter: vorsichtiges Herantasten empfohlen, möglicherweise auf eingeschränktes Lesevergnügen einstellen ...

Donnerstag, 15. April 2010

Auf dem Nachttisch (oder eigentlich in einer Ecke des Bettes, denn Nachttisch hab ich keinen)

Andreas Eschbach
Eine unberührte Welt


Eine nette Sammlung diverser Kurzgeschichten des Autors, zumeist etwas science-fiction/fantasy-mäßig angehaucht, oft mit interessantem Schlußtwist (v.a. gleich die erste Geschichte, "Quantenmüll" sticht da sehr hervor). Liest sich angenehm, ideal für die U-Bahn oder zur Pausenüberbrückung. Unterhaltsam ist auch die "Vorgeschichte", die Andreas Eschbach jeder Geschichte voranstellt, in der er erzählt, wie es zu ebenjener Story kam.


Steven Hall
Gedankenhaie


Ein Mann erwacht in seiner Wohnung ohne jegliche Erinnerung, findet einen Zettel, auf dem steht, daß er jemanden anrufen soll und gerät ab da in einen Strudel seltsamer Ereignisse. Ungefragt ankommende Briefe und Pakete, die er sich offenbar selbst geschickt hat, sind nur die Spitze des Eisbergs. Liest sich zu Beginn wie ein Krimi, und eigentlich bliebt es das, auch, wenn das Buch gegen Ende zunehmend abstrakter wird. Kuriose Story - auch wenn man zu Beginn denkt, man kennt die Handlung schon aus diversen Filmen - originelles Ende und alles in allem sein Geld wirklich wert.

Aktuell:
Faye Kellerman
Straight Into Darkness


Was hab ich mir dabei bloß gedacht? Eine Amerikanerin, die versucht, einen Krimi im Bayern der Zwischenkriegszeit anzusiedeln. Hätte klappen können - hat es aber nicht. Wenn ich die deutsche Fassung lesen würde, hätte ich wenigstens versuchen können, mich damit zu trösten, daß mit der Übersetzung sicher viiiel von der Athmosphäre verlorengegangen ist. Nur: die Athmosphäre war nie vorhanden. Da sind immer wieder eingestreute deutsche Vokabel wie "auf wiederschau'n" oder "grüß gott" und dergleichen, um ein wenig deutsches Flair reinzubringen. Die Bayern verzehren mit größter Freude Bier und Weißwurst in sogenannten "beer halls". Die Versuche, die Abneigung gegen alles nicht-deutsche und speziell alles Jüdische, der in der prä-WWII-Zeit geherrscht haben muß, zu beschreiben, wirken platt und klischeehaft.
Und ich bin grad mal mit dem ersten Viertel des Buches fertig ... *seufz*

Mittwoch, 24. März 2010

Die Memoiren einer Überlebenden - Doris Lessing

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Der Klappentext liest sich zumindest stellenweise vielversprechend:
"In ihrem Roman 'Die Memoiren einer Überlebenden', einem Buch, das in seiner prophetischen Potenz auf einem Rang mit Orwells '1984' steht, schildert Doris Lessing den stufenweisen Zusammenbruch der einzigen Gesellschaftsordnung, die wir kennen, und untersucht die Chancen der Menschheit, durch ein Zurückfinden zum gemeinsamen Selbst sich zu heilen." - FAZ

Orwells '1984' ist für mich ein Buch, mit dem sich an Genialität bisher noch nichts, das ich kenne, messen konnte. Schon allein darum schien mir die Lektüre der "Memoiren" als Pflicht. Noch dazu zierte ein großes, fettes Pickerl mit der Aufschrift "Literaturnobelpreis 2007" das Cover. Auch das macht neugierig.

Wer sich Action des Zusammenbruchs einer Zivilisation á la Hollywood erwartet, wird sicherlich herb enttäuscht. Lessing beschreibt nicht das "big picture", sondern einen Ein-Personen-Blick auf den Verlust gewohnter Strukturen. Die Erzählerin, eine Frau mittleren Alters, beobachtet von ihrem Küchenfenster aus, wie immer mehr Menschen sich in Kolonnen davon machen und die Stadt verlassen - bepackt mit Vorräten, zu Fuß oder zu Pferd, denn Autos funktionieren schon lange nicht mehr. Sie weiß wohl, daß auch sie nicht ewig hier in ihrer Wohnung bleiben kann, vermeidet es aber, sich mit dem Gedanken wirklich auseinanderzusetzen. Dazu kommt im ersten Viertel des Buches noch ein junges Mädchen, um das sich die Erzählerin zu kümmern hat und das etwas merkwürdige, immer wieder auftauchende Thema einer Zimmerwand, die im Licht der Vormittagssonne durchgängig wird und den Weg in eine andere Welt freigibt.

Alles in allem ein sehr seltsames Buch. Weder wird klar, was den großen Zusammenbruch verursacht hat (was wohl von der Autorin durchaus so gewollt war), noch, was sie mit dem etwas strangen Ende bezwecken will. Die ganze Thematik der durchgängigen Wand, die permanent auftaucht und sicherlich irgendetwas bedeutet, war für mich eher befremdlich als fesselnd, wenn das Buch als ganzes auch sprachlich durchaus angenehm und fließend zu lesen war. Gerade die Charakterisierung der Liebe des Menschen zur Gewohnheit und die Anstrengungen, die er auf sich nimmt, um auch ja diese Gewohnheit in irgendeiner Weise beibehalten zu können, trifft wirklich auf den Punkt. Auch sind Lessings Personenbeschreibungen sehr plastisch und interessant.

Unterm Strich: Nobelpreis? Warum auch immer. Unterhaltsam? In Maßen. Packend? Geht so. Man möge mich einen Literaturbanausen schimpfen, aber wirklich prickelnd war es leider tatsächlich nicht.

Freitag, 28. November 2008

Das Bildnis des Dorian Gray - Oscar Wilde (Spoiler)

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Ja, eh, es ist ein Klassiker, geschrieben vor über 100 Jahren, 1890.
Kann man sowas heute eigentlich noch lesen? Oder kriegt man bei der Formulierung, dem Thema, der Geschichte ned eigentlich Ausschlag?

Selten war ich so positiv überrascht von einem Buch. Ich hatte es eigentlich nur gekauft, weil es ein Mängelexemplar (und damit verbilligt) war und mir der Titel irgendetwas sagte (sowas wie "Davon hat mal im Deutschunterricht jemand geredet"). Der Klappentext las sich auch nicht übel, also gut, was soll's.

Das Buch beginnt recht unspektakulär - mit dem Maler Basil, der in dem 19-jährigen Dorian Gray seine ultimative Muse gefunden hat und nun an einem Portrait des jungen Mannes arbeitet. Der gute Dorian ist ein recht naives Bürschchen, kommt aus gutem Hause, hat nicht viel Ahnung von der Welt und sein größter Verdienst ist der, daß er sehr gut aussieht. Dennoch ist er zu Beginn der Geschichte kein unsympathischer Mensch, eben nur eine Persönlichkeit, der man sogar im Dunkeln ansieht, daß sie sich noch entwickeln muß.

Lord Henry, ein reicher, zynischer Lebemann und Freund von Basil trifft Dorian schließlich, als dieser gerade dem Maler Modell sitzt, und - zu Beginn schleichend - beginnt ab diesem Moment Dorians Abstieg. Lord Henry macht dem jungen Mann erst bewußt, wie hübsch er eigentlich ist und erklärt ihm, daß Jugend und Schönheit alles sind, was im Leben zählt - was schließlich darin gipfelt, daß Dorian, beim Anblick des schließlich fertiggestellten Portraits, sich mit aller Verzweiflung wünscht, er möge nicht altern und statt ihm sollte das Bild älter werden.

Dorian wird von Lord Henry im Laufe der Jahre mehr und mehr in einen Sumpf aus Heuchelei, Habgier, Oberflächlichkeit und Zynismus hineingezogen, in dem er jedoch erst dank seines unverändert guten Aussehens und seines Charmes bestehen kann ... denn er scheint tatsächlich nicht zu altern.

Wenn der Inhalt auch klingt wie der Auftakt zu einer veralteten Moralpredigt - das ist das Buch sicherlich nicht. Es hat zwar seine Längen (die Aufzählungen vom Inhalt eines Buches in einem Buch zaht sich ....), liest sich aber großteils erstaunlich flüssig, hat ein trotz allem überraschendes Ende und läßt einen Stückchen für Stückchen am Abstieg von Dorian Gray teilhaben ... und zwar nicht nur an seinem moralischen Abstieg, der von diversen seelischen Grausamkeiten bis hin zu handfesten Verbrechen führt, sondern auch an seinem psychischen Verfall. Denn die Tatsache, daß die Spuren seines Lebens tatsächlich nicht an Dorian selbst, sondern an seinem Bild sichtbar werden, verstört ihn in Wirklichkeit zutiefst, auch, wenn er diesen Umstand bis aufs Äußerste ausznutzt.

Fazit: Empfehlenswert!

Donnerstag, 10. Juli 2008

Feuchtgebiete - Charlotte Roche (SPOILER)

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Von El Kueblo zum Geburtstag bekommen und in 2 Tagen ausgelesen ... nicht unbedingt, weil die Handlung so fesselnd gewesen wäre, sondern eher aus morbider Faszination heraus - kann mir als Sani vor irgendeiner Beschreibung wirklich grausen? Ich halte mich in Hinsicht auf diverse Körperflüssigkeiten und die Art und Weise wie sie den Körper verlassen für halbwegs abgehärtet und war wirklich recht neugierig.

Wie gesagt, die Handlung hat mich nicht unbedingt vom Hocker gerissen - es geht vordergründig nicht unbedingt um viel. Ein Scheidungskind, das sich wünscht, die Eltern wären wieder zusammen und das nebenbei noch wegen einiger nicht besonders schmackhafter sexueller Vorlieben im Krankenhaus landet. Dann noch ein bißchen Romanze zum Drüberstreuen.
Spannender fand ich den schwelenden Konflikt, der in der Familie der Protagonistin stattfindet - sie hat als kleines Kind ihre Mutter mit ihrem kleinen Bruder im Arm bewußtlos in der Küche vor dem offenen Gasbackrohr gefunden. In der Familie wurde dieser Selbstmord-/Mordversuch nach Entlassung von Mutter und Sohn aus dem Krankenhaus allerdings erfolgreich totgeschwiegen (was sicher gaaaaar nix mit den miesen Familienstrukturen zu tun die sich danach entwickelt haben). Aber leider wird der Teil des Buches wirklich recht kurz gehalten ... wenn das vielleicht auch gar nicht so schlecht ist. Nicht, weil die Unappetitlichkeiten drum herum so prickelnd wären, sondern, weil dadurch das Ohnmachtsgefühl der Hauptdarstellerin erst richtig zur Geltung kommt.

About

Ein bunter Mix aus Sanitätergedanken, Studentenqualen, zuwenig Schlaf, drei Jobs und einem zum Teil etwas wirren Privatleben. Lesen auf eigene Gefahr. Dass Beiträge immer verständlich und klar formuliert sind, wird hier nicht garantiert.

Zum Rauszoomen ...


Massive Attack
Paradise Circus



Clara Luzia
Here's To Nemesis

Das kleine....

Früher, als das Gras noch grün und die Kühe noch fett waren ...

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Wow ... Schon soviele?

Little Mia is watching :-) ...

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Online seit 3542 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 28. Jan, 01:32

Disclaimer

Eh klar. Alles erstunken und erlogen. Keine Ähnlichkeiten zu wem auch immer, egal ob lebend, tot, fiktional. Und mich gibt's in Wirklichkeit auch nicht.

... and the Oscar goes to ...
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die gewisse Grundgröße: 6 m!
die universität macht naturtalente bläd
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