Das Bildnis des Dorian Gray - Oscar Wilde (Spoiler)

Ja, eh, es ist ein Klassiker, geschrieben vor über 100 Jahren, 1890.
Kann man sowas heute eigentlich noch lesen? Oder kriegt man bei der Formulierung, dem Thema, der Geschichte ned eigentlich Ausschlag?
Selten war ich so positiv überrascht von einem Buch. Ich hatte es eigentlich nur gekauft, weil es ein Mängelexemplar (und damit verbilligt) war und mir der Titel irgendetwas sagte (sowas wie "Davon hat mal im Deutschunterricht jemand geredet"). Der Klappentext las sich auch nicht übel, also gut, was soll's.
Das Buch beginnt recht unspektakulär - mit dem Maler Basil, der in dem 19-jährigen Dorian Gray seine ultimative Muse gefunden hat und nun an einem Portrait des jungen Mannes arbeitet. Der gute Dorian ist ein recht naives Bürschchen, kommt aus gutem Hause, hat nicht viel Ahnung von der Welt und sein größter Verdienst ist der, daß er sehr gut aussieht. Dennoch ist er zu Beginn der Geschichte kein unsympathischer Mensch, eben nur eine Persönlichkeit, der man sogar im Dunkeln ansieht, daß sie sich noch entwickeln muß.
Lord Henry, ein reicher, zynischer Lebemann und Freund von Basil trifft Dorian schließlich, als dieser gerade dem Maler Modell sitzt, und - zu Beginn schleichend - beginnt ab diesem Moment Dorians Abstieg. Lord Henry macht dem jungen Mann erst bewußt, wie hübsch er eigentlich ist und erklärt ihm, daß Jugend und Schönheit alles sind, was im Leben zählt - was schließlich darin gipfelt, daß Dorian, beim Anblick des schließlich fertiggestellten Portraits, sich mit aller Verzweiflung wünscht, er möge nicht altern und statt ihm sollte das Bild älter werden.
Dorian wird von Lord Henry im Laufe der Jahre mehr und mehr in einen Sumpf aus Heuchelei, Habgier, Oberflächlichkeit und Zynismus hineingezogen, in dem er jedoch erst dank seines unverändert guten Aussehens und seines Charmes bestehen kann ... denn er scheint tatsächlich nicht zu altern.
Wenn der Inhalt auch klingt wie der Auftakt zu einer veralteten Moralpredigt - das ist das Buch sicherlich nicht. Es hat zwar seine Längen (die Aufzählungen vom Inhalt eines Buches in einem Buch zaht sich ....), liest sich aber großteils erstaunlich flüssig, hat ein trotz allem überraschendes Ende und läßt einen Stückchen für Stückchen am Abstieg von Dorian Gray teilhaben ... und zwar nicht nur an seinem moralischen Abstieg, der von diversen seelischen Grausamkeiten bis hin zu handfesten Verbrechen führt, sondern auch an seinem psychischen Verfall. Denn die Tatsache, daß die Spuren seines Lebens tatsächlich nicht an Dorian selbst, sondern an seinem Bild sichtbar werden, verstört ihn in Wirklichkeit zutiefst, auch, wenn er diesen Umstand bis aufs Äußerste ausznutzt.
Fazit: Empfehlenswert!
m_i_a - 28. Nov, 15:59






