fiese tage

Montag, 18. Mai 2015

Das Zurückkommen

Es ist ein bisschen wie ein Kopf voller Watte, ein einziger dumpfer Kater, wenn man sich mit einer Mischung aus Wiedererkennen und Verblüffung umblickt.

Ist das *wirklich* alles so?

Es ist auch Frustration, und Ärger und Trauer. Und schlechtes Gewissen, weil ich hier, im behüteten, bequemen mitteleuropäischen Nest weitermache und nicht dort, wo ich war und wo es um die Wurst geht.

Es ist Dankbarkeit, für das, was wir so selbstverständlich "die kleinen Dinge" nennen. Die kleinen Dinge, die verdammt noch mal gewaltig sind: sauberes Wasser. Ein Dach über dem Kopf. Ein Bett. Familie und Freunde.

Ich bin jetzt wieder mehr "da", als vor eineinhalb Wochen, als ich aus dem Flugzeug aus Nepal gestiegen bin. Aber doch noch nicht so richtig.

Montag, 30. Juni 2014

der seelische Sezierkurs

Ich verlerne ich regelmäßigen Abständen, auf mich selbst zu hören.

Diese Basisbedürfnisse (nein, nicht wie zB. WiFi ;) ) wie genug Schlafen und Regeneration und Entspannung kürze ich immer wieder mal gern auf ein noch erträgliches Minimum herunter.

Was mich dann fasziniert (vor allem rückblickend, denn in der Situation selbst kriech ich so am Zahnfleisch, dass die einzige Faszination der Gedanke an ein nahendes Bett ist), ist die Tatsache, dass ich in just *dieser* Situation nicht die Reißleine ziehe. Nie.

Ich leg sogar noch eins drauf. Noch ein Termin, noch eine Verpflichtung, noch ein Kurs, noch eine Zusage. Noch mehr involvement, noch mehr Vorbereitung, noch mehr Hackln. Noch, noch, noch.

Wenn der Körper dann allmählich beginnt zu protestieren, möchte man meinen, ich behirne das. So wegen Gesundheitsbereich und sozialer Arbeit und Sensibilisierung und so.
Nope.

Dann schickt einen der Doc in Krankenstand (weils tatsächlich nicht mehr geht) und weil ich noch so rotiere, ist meine erste offizielle Handlung zu Hause, das Bad zu putzen. Weil Ruhe geben ist nicht. Erst Fieber und Weh und das Ganze drumherum hauen genug rein, dass ich wenig später tagelang nur am Herumliegen und Vegetieren bin.



Und jetzt beginnt der seelische Sezierkurs: *warum* ist das so?

Warum gestehe ich mir nicht zu, mich mal rauszunehmen? -> Weil sich die Welt nicht ohne mich dreht?

Wo ist das Gefühl hin, einen freien Tag genießen zu können, ohne ihn zuzumüllen? -> Woher kommt das, dass ich mir ständig alles mit Terminen zuschütten muss, um mich gebraucht zu fühlen?

Weshalb wage ich es, meine Gesundheit auf's Spiel zu setzen und bis zur körperlichen Erschöpfung zu arbeiten? Muss ich mich so sehr über meine Arbeit definieren, gibt's da nicht noch etwas mehr, was ich gut kann?

Das sind nur meine privaten Denkanstöße - es liegt noch viel Arbeit vor mir, um das und die dazugehörigen Gefühle und Hintergründe im Kopf zu sortieren und Schlüsse daraus zu ziehen. Aber das ist ein Knopf den ich definitiv aufkriegen muss. Im Moment habe ich aber nur das Gefühl, dass ich mit aller Kraft an einem Ende zerre und alles noch viel dichter wird.

Dienstag, 25. März 2014

Es liegt so nah beieinander

Akademische Abschlussfeier auf der Uni … never ever again Uni Wien. Was für ein Hochgefühl! Die family glüht vor Stolz. Man hebt Sektgläser, Diplome, feiert. Erhebendes Gefühl. Um nicht zu sagen, geil.

Dann - BAM - W. ist tot. Nicht, dass es unerwartet gewesen wäre, aber die Nachricht trifft trotzdem zielsicher in die Magengrube und bleibt dort liegen wie ein Stein. Schlucken. Das letzte Mal reden, berühren, lachen Revue passieren lassen. Weinen. Durchatmen. Weitermachen.

Anruf: ja, du darfst an der neuen Weiterbildung teilnehmen. Wäre sogar gut, wenn du mitmachst, denn du hast beim Auswahlprozess echt guten Eindruck hinterlassen. Wow, nice :-) Das geht runter wie Öl.

Dann ein ganz normaler Dienst, der absolut nicht normal endet, und zwar mit mir, die meinem Lenker, der plötzlich selbst zum Patient geworden ist, im Krankenhaus hilflos zur Seite steht. Oder es versucht.

Auf und ab, schön und schrecklich liegen oft so nah beieinander. Ich vergesse das so gern. Und ich hasse es, so prägnant daran erinnert zu werden.

Dienstag, 31. Dezember 2013

Eine Berührung. Und ein zweites Mal.

Ich muss gestehen, ich bewege mich im Dienst selten wirklich schnell. Also so im Sinne von Laufen. Laufen verursacht Stress, Stress verursacht Fehler, Fehler sind nicht gut für den Patienten, etc. You get the idea.

Aber als sie da so draußen in der Hauseinfahrt steht und winkt, da kommt schon dieses Gefühl hoch, dieses "umpf". Diese Vorahnung, dass die Berufungsursache "ineffektive Atmung" vielleicht diesmal ausnahmsweise tatsächlich etwas mit der Realität zu tun hat. Das "umpf" wird innerhalb kürzester Zeit overrult von "OK, wir brauchen das EKG und den Rucksack und den Sauerstoff und *WAS* ist hier eigentlich los?" ... aber es bleibt. Ein kleines bisschen.

Eigentlich ist es interessant, wieviel man schon am Gesichtsausdruck der Angehörigen ablesen kann. Im Gesicht der jungen Frau vor mir erkenne ich Abgeklärtheit, gepaart mit Hoffnung und Verdrängung. Und einer gewissen Leere, die eigentlich nur Menschen zeigen, die ganz genau wissen, was hier los ist, und die begreifen, dass es nichts gutes ist - auch wenn sie das vielleicht nicht verbalisieren können. Diese Leere verstärkt das "umpf", das wie ein kleiner Kloß im Magen liegt. Nicht hinderlich oder unangenehm - nur warnend.

"Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich habe die Tür aufgesperrt, aber ich weiß nicht, was da passiert ist."
Das "umpf" läßt mich schneller gehen. Deutlich schneller. Mein Team eilt flotten Schrittes hinterher.
"Um wen geht es denn?"
"Meine Großmutter."
"Hat sie noch mit Ihnen geredet, bevor Sie die Rettung angerufen haben?"
"Ich weiß nicht."
"Waren Ihre Augen denn noch offen?" (Gib mir IRGENDEINE Info, Mensch, bitte!)
"Ich weiß nicht."

Der Weg von der Hauseinfahrt bis in die Wohnung fühlt sich lange an. Realistisch betrachtet sind es vielleicht 2 Minuten. Mein Hirn fühlt sich an wie eine Festplatte, die knapp nacheinander verschiedenste Programme abtestet - effizient, emotionslos, routiniert. Reanimation, eventuell mit schwieriger Bergung. Psychische Betreuung. Starke Blutung. Alkoholisierter Patient. Psychose. Hypo.

Die Angehörige sperrt umständlich die Wohnungstür auf (wofür sperrt man die nochmal genau ab, wenn man den Rettungsdienst eigentlich schnellstmöglich reinlassen möchte?).

"Wohin müssen wir?"
"Badezimmer."

Die älteren Wohnungen dieser Stadt sind nicht unbedingt für ihre großzügigen Bäder bekannt. Auch in diesem ist es eng, etwas stickig und man findet den verfluchten Lichtschalter nicht sofort. Ein großer Schritt und ich stehe vor der Badewanne. Darin befindet sich eine menschengroße Silhoutte, reglos, erkennbar im Streulicht aus dem angrenzenden Raum. Ich fasse dorthin wo ich die Schulter vermute und ergreife etwas, das sich auch in etwa so anfühlt.

Mein Kollege findet in just diesem Moment endlich den Lichtschalter.

Neben der Badewanne etliche leere Blister eines starken Beruhigungsmittels. Kein Blut.
Dass keine Erste Hilfe Maßnahmen, keine Reanimation, kein gar nichts mehr durchgeführt werden muss, wird spätestens jetzt klar. Mein Griff an der Schulter dreht die Patientin aus seitlicher Position auf den Rücken, der komplette Körper ist steif, ihr Gesicht wirkt entspannt. Ihr Schultergelenk knackst, als würde sie sich gegen das Bewegtwerden aus der Position, in der sie endlich Ruhe gefunden hat, wehren wollen.

"Soll ich eine Nulllinie schreiben?" fragt mein Kollege hinter mir.
"Ja. Und bitte auch die Körpertemperatur erheben."

Ich trete aus dem Mini-Bad heraus um meinen Kollegen genug Platz zum Arbeiten zu geben. Mein Lenker erwartet mich vor dem Bad mit professionell-gefaßtem Gesicht.
"Können wir der Angehörigen schon etwas sagen?"

Das Fazit lautet: Das Überbringen derartiger Nachrichten wird auch beim 2. Mal nicht einfacher. Und wahrscheinlich wird es das nie.

Sonntag, 24. November 2013

Brunchweisheiten

Während ich mich gestern mit der besten Michelle der Welt 2 Stunden lang durch ein beeindruckendes Brunchbuffet gefuttert haben, ist mir eines klar geworden.

Im letzten Beitrag war es es auch schon erwähnt - ich mag mich selbst endlich, zum ersten Mal. Das, was mir gestern nur erschütternd klar geworden ist, ist die Tatsache, dass das auch meine Kindheit miteinbezieht. Dass ich schon im Kindergarten und in der Volksschule (soweit ich mich noch daran erinnere) das Gefühl hatte, nicht genug zu sein, nicht klug genug, nicht hübsch genug, nicht dünn genug, nicht beliebt genug, etc. .

Und es gibt genügend Studien, die zeigen, dass es mir damit nicht als einzige so ging, oder geht. Schon bei Kindern zwischen 9 und 12 Jahren zeigen sich erste pathologische Verhaltensänderungen beim Essen (fast 40 % in dieser Altersklasse haben schon eine Diät hinter sich) (1) . Das Alter, in dem Ess-Störungen auftreten, verringert sich von Generation zu Generation (2) und lag schon in den 70ern und 80ern zu einem großen Teil bei 14 Jahren oder noch weniger (3).

Bitte, woher kommt das? Sind das wirklich "die Eltern", die in ihrer eigenen Unsicherheit ständiges Unzufriedensein mit sich selbst vorleben und weitervermitteln? Ist es das, was man "die Medien" nennt, die ein unrealistisches Körperbild zeigen? Ist es "der Leistungsdruck", der ständigen Perfektionismus fordert und keine Abweichungen toleriert? Ist es "die Schule", die nicht genug auf die einzelnen Kinder und ihre Bedürfnisse eingeht und sie fördert und fordert und zu hohen Stress erzeugt und nicht genug Sportunterricht, etc. anbietet?

Wie konnte es verdammt noch mal so weit kommen, dass Volksschulkinder abnehmen wollen? Meine Güte, ich habe selbst schon 6, 7-jährige Mädls gehört, die einander als Beleidigung ein herzhaftes "du bist so FETT!!!" hingeschmettert haben - als wäre das das allerschlimmste, was ein Mensch sein könnte. Vier Buchstaben, die dein Selbstwertgefühl an die Wand klatschen, deinen Stand im Freundeskreis (zumindest für dich selbst) wackeln lassen, die dich am Abend zu Hause im Bad auf die Waage und vor den Spiegel treiben, wo du dich beäugst, und an deinem Hintern und Bauch herumzupfst, immer mit diesem einen Satz im Ohr und den gephotoshoppten Frauen aus Magazinen, Serien und dem Internet vor Augen. Wie konnte das passieren?

Es geht mir nicht darum, anzuklagen und mir ist auch klar, dass dieses Problem multifaktoriell ist. Es gibt nicht nur "den einen Schuldigen".

Ich empfinde es nur als unbeschreiblich, dass in vielen Fällen nicht nur das Erwachsenenalter, sondern bereits die Kindheit überschattet ist von Selbstzweifeln, dem Gefühl ungenügend zu sein, und dem häufigen Rückschluss der Kinder, dass das am eigenen Aussehen oder Gewicht liegen muss. Auch, wenn es nicht "den einen Schuldigen" gibt, so gibt es vielleicht "den einen Rettungsanker", und das ist jeder einzelne von uns, der Kontakt mit Kindern hat: Wir müssen uns bewusst sein, dass Kinder nicht nur ein Spiegel unseres eigenen Verhaltens sind, sondern auch unseres eigenen Selbstwertgefühls.



(1)http://pediatrics.aappublications.org/content/84/3/482.short
(2)http://europepmc.org/abstract/MED/20141711/reload=0;jsessionid=HjeMEJ97WoENtIX5oiVn.56
(3)http://link.springer.com/article/10.1007%2FBF01537539

Dienstag, 5. Februar 2013

Das erste Mal...

Vor vielen Jahren hatte ich eine liebe Freundin in einer Parallelklasse. Ich, weil in tiefstkatholischer Einöde lebend, hatte als religiöse Minderheit in den Religionsstunden frei (Ethik oder irgendwas Multikonfessionelles gabs damals nicht). In diesen Freistunden malträtierte ich den Internet-PC im Korridor der meistens so voll mit Viren war, dass er ohnehin nur zum Minesweeper spielen taugte, sass in der Bibliothek und las, zeichnete oder schrieb vor mich hin. Ich begann, diese Freistunde erst kurz vor der Matura tatsächlich effizient zu nutzen (mit Lernen und Aufgaben machen und so).

Tatsächlich habe ich in diesen Freistunden, in denen sich meist die anders-"gläubigen" in der Schule zusammenrotteten - die, für die es sich zumeist nicht auszahlte, eigenen Religionsunterricht zu veranstalten, weil es waren ja nur 4 oder 5, und auch die hatten nicht alle die selbe Konfession - mehr über Religion und Toleranz gelernt als im eigentlichen Schulfach, das mir zu späterem Zeitpunkt aufs Aug gedrückt wurde.

Aber damals war der Schulabschluss, obgleich doch gar nicht mehr sooo weit weg, noch unaussprechlich und unvorstellbar und überhaupt. Es gab auch eine Zeit, da verbrachte ich die Freistunde nicht mit Lesen oder Lernen oder Nasebohren, sondern mit Steffi (nennen wir sie mal so). Steffi, ebenfalls religiös bevorteilt, was die wöchentliche Freistunde anging, war das was ich heute vermutlich "rotzfreches Gör" nennen würde. Wüste Frisur, viel zu ungebremstes Mundwerk, idiotische Ideen erster Klasse. Es war großartig mit ihr, auch, wenn klein-Mia sich zuweilen von Steffi etwas überfahren fühlte (wie es mit beherrschenden Persönlichkeiten halt manchmal so ist). Aber wir hatten unseren Spaß, von den üblichen Mädlsthemen über herzhaftes Ablästern bis hin zu gemeinsamen heimlichen Zigarettenrauchen am Schulhof (an der Schule erst ab 16 geduldet - boooaaaah, was für ein Kick da schon mit 14 rumzustehen und zu paffen, während man verzweifelt versucht auszusehen, als würde man inhalieren).

Mit Beginn des 2. Schuljahres mit Steffi kristallisierte sich heraus, dass für sie ein bestimmtes Thema in ihrem Leben immer vorherrschender wurde. Im September waren wir noch beim guten Vorsatz "ich will abnehmen, weißt du, ich fühl mich so schwabblig." Steffi war nicht dürr, aber von dem, was man hierzulande "blaaad" nennt, weit entfernt. Aber welcher pubertierende Jugendliche war schon mal zufrieden mit seinem Körper? Eben.

Gegen November - man wurde schon wieder an allen Ecken mit Weihnachtsdeko und Keksen konfrontiert - lehnte Steffi nicht mehr nur rigoros Süssigkeiten sondern jegliches Essen ab. Über Weihnachten dürfte es zu Hause heftig gekracht haben, denn im neuen Jahr erklärte Steffi mir, sie würde jetzt wieder essen, aber der Gedanke, wieder zuzunehmen (immerhin 3 Kilo hatte sie sich schon abgezwackt zu diesem Zeitpunkt) würde ihr schwer zu schaffen machen. Genauso wie der ständige Kampf ums Essen zu Hause mit den Eltern.

"Aber, weißt, es gibt eine Lösung." Wir saßen gerade in einem verlassenen Winkel der Schulbibliothek, als sie mir das sagte und an das verschwörerische Blitzen in ihren Augen erinnere ich mich noch genau. "Ich ess das ganze Zeug einfach, und nachher geh ich speiben. Und wenn ich dazwischen Hunger bekomme, ess ich einfach Wattebauschen, die ich mit Orangensaft eingeweicht hab. Das füllt ganz toll den Magen."
Ich war baff.
(Mein eigener Kontakt mit Eßstörungen kam erst später. Zu diesem Zeitpunkt war es für mich völlig unfassbar, dass irgendwer - und schon gar nicht meine starke, tolle Steffi - einer Eßstörung auf den Leim gehen konnte).

Mein Fingerspitzengefühl hielt sich in Grenzen. Ich würde das Gespräch, das danach kam, heute etwas anders gestalten - aber damals tat ich genau das, was mir als erstes einfiel, und das hieß: Fakten, Fakten, Fakten. Ich knallte Steffi alles um die Ohren was ich wusste - Schädigung der Speiseröhre und Zähne, Nährstoffmangel und Haarausfall, dauernder Mundgeruch, etc ... Steffi tat das, was ich Jahre später, wenn mit meinen Problemen konfrontiert, auch tat: sie machte zu, hörte nicht hin, relativierte.

"Aber doch nur bis ich wieder 50 Kilo habe! Dann ess ich ja eh wieder normal."
"Ich mach das ja eh nicht immer!"
"Kannst jetzt bitte endlich damit aufhören?"

Ich wollte sie nicht verlieren, also hielt ich vorerst den Mund - und auch das Versprechen das ich ihr gegeben hatte: niemandem ein Wort zu erzählen. Unsere Freundschaft litt darunter, denn manchmal musste ich einfach wieder mit dem Thema Abnehmen anfangen weil ich Angst hatte - und wenn ich es nicht tat, tat es Steffi. Der Gedanken um essen und kotzen war schon so allgegenwärtig in ihrem Leben, dass sie es gegen Ostern nicht mehr schaffte, es nicht mehr anzusprechen. Ihre Abnehmerfolge waren bescheiden - wie es bei reinen Bulimikern häufig der Fall ist, nahm auch sie durch das Erbrechen nur wenig ab.

Es war Mai, als ich es endlich schaffte sie zu knacken. Meine harte Arbeit gipfelte in Steffis Zugeständnis, dass sie das ständige Kotzen fürchterlich fand, aber nicht mehr wüsste, wie sie davon loskommen sollte.
"Ich muss mich nur noch nach vorn beugen, weißt du, und es kommt schon rauf. Meistens brauch ich nicht mal mehr den Finger. Ich weiß nicht mehr was ich machen soll."
"Und wenn du einfach versuchst, ganz kleine Portionen wieder zu essen? Nur ein kleines bisschen?" schlug ich hilflos vor.
"Aber dann nehme ich ja zu, das geht ja nicht..."

Ich war mit meiner Weisheit am Ende - es musste ein Plan her. Eine Lösung. Irgendwas. Jemand, der Ahnung hatte. Das einzige, was mir einfiel, war die Schulärztin. Die musste doch die Rettung sein. Die hatte da sicher ein Ass im Ärmel. Die musste doch ständig mit sowas zu tun haben - in einer Schule, in der weit mehr als die Hälfte der Schülerinnen Mädchen waren. So konzentrierte ich meine letzten Anstrengungen darauf, Steffi davon zu überzeugen, mit mir gemeinsam zur Schulärztin zu gehen. Alles würde besser werden, wenn ein Arzt Bescheid wusste, der konnte mit den Eltern reden, es gibt Behandlungspläne und ja, es wäre sicher nicht ganz einfach, aber alles würde gut und Steffi würde nicht mehr nach jedem Essen über der Kloschüssel hängen und wir könnten auch wieder mal über etwas anderes reden als Gewicht und Essen und Nicht-Essen.

Es war am letzten Schultag dieses turbulenten und anstrengenden Schuljahres, als ich es geschafft hatte, Steffi und die Ärztin an einen Tisch zu bringen. Frau Doktor machte sich keine allzugroße Mühe, ihr Desinteresse irgendwie zu maskieren. Auch sie, wie sie kerzengerade dasitzt und über unsere Köpfe hinweg beim Fenster hinaussieht, seh ich jetzt, 15 Jahre später, noch genau vor mir.

"Also, warum sind wir jetzt alle hier?"
Steffi brauchte 3 Anläufe, bevor sie langsam und zähflüssig den Satz "ich geh nach dem Essen immer kotzen ... ich glaube ich hab Bulimie" herausbrachte. Ich war schrecklich stolz auf sie, dass sie es endlich geschafft hatte, das Problem auszusprechen. Und Hilfe zu suchen.
"Hmm", erwiderte die Schulärztin nach einer kurzen Pause. "Naja, am besten kommst du dann nach den Ferien wieder und wir überlegen uns dann was, ok?"
Sie stand auf, nahm ihre Tasche und ging.

Ich hatte Tränen in den Augen vor Zorn und Wut und Demütigung und Steffi muss sich noch viel schlimmer gefühlt haben. Noch niemals hatte ich mich von jemandem so im Stich gelassen gefühlt wie von dieser Ärztin. Steffi und ich gingen vor der Schule auseinander und haben uns während der Ferien nicht gesehen oder gehört. Ein, zwei Mal schrieben wir uns Briefe, aber irgendwann kam keine Antwort mehr. Im darauffolgenden Herbst, als ich sie wieder traf und fragte, wie es ihr gehe, musterte sie mich mit einer Mischung aus Abschätzigkeit und Mitleid, als sie sagte "Weißt du, ich hab das so gemacht, wie du vorgeschlagen hast. Ich hab einfach ganz kleine Portionen gegessen zum Anfangen, und jetzt geht's wieder."
Sie drehte sich um und ging.

Wir haben nie wieder miteinander geredet.

Montag, 12. November 2012

... und es ist weg ...

Die alte Dame liegt, betreut von einem bemühten, jedoch etwas planlos wirkenden Hausarzt und umringt von Familie aller möglichen Altersgruppierungen, die besorgter nicht sein könnte, in einem riesigen, alten Bett in ihrem Schlafzimmer.

Ich hasse diese Betten. Riesengroß, meistens mit massivem Holzrahmen und Matrazen, die so weich sind, dass du dich nicht draufknien kannst, ohne:
a) das Gleichgewicht zu verlieren
oder
b) dich unweigerlich zu fragen, ob das hier wirklich einfach nur weich ist, oder vielleicht doch aus irgendwelchen Gründen schon eklig. Und du MUSST dich aber draufknien. Anders ist es nicht möglich, dem Patienten die Sauerstoffmaske auf Gesicht zu drücken oder ein EKG zu schreiben.

Außerdem füllen besagte Betten meist das gesamte, ohnehin nicht große Schlafzimmer aus. Das, wie anfangs schon festgestellt, bereits durchaus gut mit Menschen gefüllt ist. Erst, nachdem ein Teil der Familie gebeten wird, im Wohnzimmer zu warten, finden wir irgendwo ein Plätzchen für den Rucksack, woanders ein Plätzchen für das LP12 und, oh Wunder, auch ein Fleck für die tragbare Sauerstoff-Flasche ergibt sich.

Der Hausarzt - wie eingangs angedeutet - weiß nicht so recht, wie er das Problem hier lösen soll (das zum ersten aus dem bereits recht biblischen Alter der Patientin besteht, zum zweiten aus akut aufgetretener Schwäche, und zum dritten aus Atemnot und Herzrhytmusstörungen - die zwar lästig sind, aber noch kein gröberes Eingreifen erfordern). "Es wird alles wieder, keine Sorge, Sie san bald wieder fit", rezitiert er immer wieder, als wäre es sein persönliches Mantra. Ob er sich selbst oder die Patientin, die ihn mit weit aufgerissenen Augen ansieht, beruhigen will, erschließt sich nicht so ganz.

Unser NEF Doktor popelt in Rekordzeit einen rosa Venflon dorthin, wo er hingehört, die Infusion hängt, der Sauerstoff fließt nun schon seit geraumer Zeit in rauhen Mengen, eine wirkliche Verbesserung erkennt man trotzdem nicht.

Nun ja, was soll man machen - zur Abklärung ins Spital, nicht wahr.

Es wird genickt (Familie: besorgt, Hausarzt: erleichtert); wir packen uns, unsere Gerätschaften, den Arzt, die Patientin zusammen. Diese sträubt sich, soweit es ihr Zustand zuläßt: "Nein, ins Krankenhaus will ich nicht. Bitte nicht." Gut verstehen kann man sie nicht, aber sie begreift eindeutig was passiert. Unsere Standardfloskeln hört sie zwar, wirft sie jedoch kopfschüttelnd ab. Aber sie kennt das Spiel, in den letzten Jahren ihres Lebens hat sie die Diskussion mit dem Rettungsdienst häufig geführt, und sehr oft verloren, wie die sagenhaft dicke Mappe an Spitalsbefunden beweist. Sie ergibt sich rasch in das Umgelagertwerden auf die Trage, das Zugedecktwerden mit 2 Decken (es ist kalt draußen), in das etwas rumpelige zum RTW-Gerollt-Werden.

Es ist "mein" Transport. Ich stecke die Sauerstoffmaske auf die Bordversorgung um, bringe das Monitoring an - der Puls eiert unschlüssig zwischen 90 und 120 Schlägen, die Sättigung begeistert mich mit etwa 90 % bei knapp 10 L/Min nicht wirklich, aber auch mit mehr O2 bringen wir sie beim besten Willen nicht weiter rauf.
"Wir fahren jetzt los, es wird ein bisschen schaukeln, aber es kann nichts passieren. Sie sind angeschnallt, sie können nicht von der Trage rutschen. Und der Herr Doktor und ich sind da, wenn Sie sich nicht wohl fühlen, sagen Sie bescheid, okay?"
Die Patientin gibt ein zustimmendes Geräusch von sich, aber ihre Augen blicken mich anklagend an (Du bringst mich jetzt ins Krankenhaus!)

Wir fahren los, das NEF voran, wir hinterher, beide mit viel-bunt, aber wenig-laut. Man muss ja nicht mitten in der Nacht die halbe Stadt aufwecken, und mit vorausschauendem Fahren und guten Alternativrouten wenn es irgendwo staut, hat mein Lenker noch allemal auch ohne Tatütata mehr Zeit gutgemacht, als durch hirnlosen Gasfuss und blindes Vorpreschen.

Ich schreibe meine Doku, der Doc schreibt seine, wir plaudern ein wenig, gucken hin und wieder auf den Monitor, wo die Werte sich kaum ändern und auf die Patientin, die schicksalsergeben an die Decke blickt. Die Fahrt dauert trotz Sondersignalen ein Weilchen - das Haus ist nicht grad um die Ecke, aber es war nichts Näheres frei - und so erfahre ich neuesten Klatsch und Tratsch aus benachbarten Rettungsstationen, höre, welche Abteilungen welcher Krankenhäuser sich heute schon besonders ausgezeichnet haben und gebe ein wenig meinen Senf dazu.

Wir durchqueren die Einfahrt ins Spital. Die Herzfrequenz liegt jetzt bei 60. Und da bleibt sie auch. Kein arrythmisches Herumspringen mehr. Sättigung liegt weiter konsistent bei etwa 90 %. Ich werfe einen Blick auf die Patientin. Noch immer hält sie die Augen auf die Decke gerichtet, aber das Licht ist aus ihnen gewichen. Gleichmäßig, aber etwas flach hebt sich ihr magerer Brustkorb. Das Gesicht wirkt eingefallener, als vor 15 Minuten, als wir sie aus ihrem Bett gehoben haben, in dem sie so gern liegen bleiben wollte.

Wir bleiben vor dem Pavillon stehen zu dem wir wollten, ich stehe auf, packe sie an der Schulter, spreche sie laut mit Ihrem Namen an, aber bekomme keine Reaktion. Leer blicken ihre Augen durch mich hindurch. Ihr Bewußtsein - ihre Seele? - ist schon fort, aber der Körper mag sich noch nicht lösen, er hat so lang gearbeitet, 24 Stunden am Tag, über Jahre und Jahrzehnte hinweg, er macht jetzt noch ein Weilchen weiter.

Wir übergeben die Patientin, die in ein Doppelzimmer geschoben wird (etwas Privateres ist nicht frei im Augenblick), machen den RTW wieder einsatzbereit, verabschieden uns vom NEF und fahren weiter.

Und ich frage mich - was war wohl das letzte was sie gehört hat? Wie der Arzt und ich die aktuellen Menüs in den Krankenhauskantinen bekrittelt haben? Musste sie sich gerade unsere Meinung über verkochtes Gemüse mit klumpiger Bechamelsauce anhören?

Ich wünsche mir, unser System wäre menschlicher.
Ich wünsche mir, Menschen könnten leichter akzeptieren, wenn ein Leben zu Ende geht und würden dafür mehr tun, dieses Ende angenehmer zu gestalten.
Und ich wünsche mir, nicht die weißen Silikonfugen an der Decke des RTW wären das letzte gewesen, was meine Patientin gesehen hätte, sondern die Gesichter ihrer Lieben.

Montag, 11. Juni 2012

un

Manchmal kann alles über lange Zeit un sein. Und manchmal macht es auch nicht den Eindruck, als würde es demnächst besser werden. Mittlerweile habe ich einzelne Durststrecken, auf denen mir auch schon der Galgenhumor ausgeht.

Verschiedene un-Phasen haben einander abgewechselt. Privates Un, Uni-Un, Un in der Arbeit. Und weil Un nunmal ein Rudeltier ist, und nicht gern allein, ließ es sich nicht lumpen und kreuzte des öfteren halt einfach zu mehrt auf.

Im Moment sind wir mehr auf der Un-Zeit, Un-Uni Welle, die Uns und ich. Egal wie detailliert ich Abläufe plane - forget it. Das Un-iversum macht mir einen Strich durch die Rechnung. Und das liebe Studium f*ckt mich seit Anfang März (MÄÄÄÄÄÄRZ!!) mit ein und demselben Labor und seinen einhunderttausendmillionenmilliarden Zwischenprüfungen.

Spaß macht das alles im Moment keinen und die Prüfung morgen nachmittag wird mich wieder einmal viel Schlaf kosten...
But - this too shall pass....

Donnerstag, 21. Juli 2011

Das Wort zum Tag

Wer sich ändert, bleibt sich treu ...

Dienstag, 28. Juni 2011

Ich will ....

.... endlich Prüfungsergebnisse haben.
.... wenigstens einen Tag mit 48 Stunden? Bitte? Nur einen?
.... bitte, bitte, BITTE Schokolade, die nicht dick macht.
.... und Chips, die nicht dick machen.
.... mal wieder ausgeschlafen sein.
.... morgen nicht 25 Kindern auf Zwang Erste Hilfe ins Hirn prügeln und mit Abschlußtest drohen müssen, während sie desinteressiert mit ihren Handys spielen.
.... das Buch fertig lesen, an dem ich seit 2 Monaten herumkaue.
.... eine Rückenmassage. Und die Füße bitte auch gleich, wenn wir schon dabei sind.
.... mich in Ruhe auf den Kurs am Wochenende vorbereiten können.
.... was Liebes hören.
.... bitte endlich das Urlaubsgeld.

Ich glaub, bis Weihnachten ist der Wunschzettel fertig.

About

Ein bunter Mix aus Sanitätergedanken, Studentenqualen, zuwenig Schlaf, drei Jobs und einem zum Teil etwas wirren Privatleben. Lesen auf eigene Gefahr. Dass Beiträge immer verständlich und klar formuliert sind, wird hier nicht garantiert.

Zum Rauszoomen ...


Massive Attack
Paradise Circus



Clara Luzia
Here's To Nemesis

Das kleine....

Früher, als das Gras noch grün und die Kühe noch fett waren ...

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Wow ... Schon soviele?

Little Mia is watching :-) ...

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Online seit 3542 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 28. Jan, 01:32

Disclaimer

Eh klar. Alles erstunken und erlogen. Keine Ähnlichkeiten zu wem auch immer, egal ob lebend, tot, fiktional. Und mich gibt's in Wirklichkeit auch nicht.

... and the Oscar goes to ...
arbeit aller art
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Das Wort ist mächtiger als das Schwert
die gewisse Grundgröße: 6 m!
die universität macht naturtalente bläd
die wände hoch, die straßen entlang ...
feiertags-wahnsinn
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G'schmackig!
gute Idee - schlechte Idee
im auftrag eurer eiligkeit
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