im auftrag eurer eiligkeit

Sonntag, 22. Juli 2012

Ein Gefühl

Die Ledercouch im Aufenthaltsraum ist bequem, in den warmen Sommermonaten aber bisweilen etwas klebrig. Unter Geräuschen, wie sie Schuhsohlen machen, wenn man über Fußboden geht, auf dem Cola ausgeschüttet wurde, dreht man sich da in ruhigen Stunden von links nach rechts und von rechts nach links, schaut die x-te Wiederholung der Simpsons und feinstes Bildungsfernsehen aus Österreich und Deutschland (haben die Schweizer eigentlich gar keine solchen Abgründe?) und döst ein wenig vor sich hin, bis die nächste Ausfahrt ansteht.

Oft kommt man ja eh nicht dazu ein wenig zu entspannen. Aber ich liege hier jetzt schon ein Weilchen mit meinem Team herum, mein Sani pennt mit unglaublich weit aufgerissenem Mund, den Wachheitsstatus meines Lenkers kann ich nicht genau erkennen, dazu müsste ich den Kopf drehen. Und ich lieg hier doch grad so gut ... die Sonne scheint bei den nicht ganz sauberen Fenstern herein und zeichnet Muster auf den abgenutzten Holzfußboden, von draußen hör ich gedämpftes Gelächter aus der Raucherecke, im Fernsehen rettet Marge Homer aus irgendeiner peinlichen Situation ... Rettungsdienstidylle pur.

Ich weiß im ersten Moment nicht, wie lange ich geschlafen habe, als das Diensthandy läutet. Auf Autopilot hebe ich hab, höre die ewig gleiche Stimme (die aber immer jemand anderem gehört) aus der Einsatzzentrale am anderen Ende: "Einsatz!" und brumme etwas in Richtung meines Teams, das aber ohnehin schon dabei ist, noch mit halbgeschlossenen Augen die Schuhe anzuziehen. Auf das Handyläuten, bzw. den SMS Ton sind wir alle konditioniert wie die ultimativen Pawlowschen Hunde. Ertönt eins dieser beiden Geräusche, zieht jeder irgendwas an das grad in seiner Nähe liegt (nicht nur einmal fand ich mich danach in einer fremden Jacke wieder) und trottet dorthin, wo vermutlich das Auto steht.

Gähnend zücke ich im RTW das Einsatzprotokoll und werfe den ersten Blick auf's Display des Datenfunks, das uns den Einsatz komplett mit Adresse und Berufungsursache zeigt. Eine leichte Bewußtseinstrübung (die 3. heute), etwa 10 Minuten entfernt. Nix, worüber man sich aufregen müsste.
Mein Lenker wuchtet sich auf den Fahrersitz, dreht das Blaulicht auf, und fährt los. Aber irgendwas stimmt hier nicht, auch wenn ich nicht sagen kann. was. Ich verpasse mir 2 gedankliche Ohrfeigen, schüttle mal kräftig den Kopf, lasse das Beifahrerfenster runter damit mir der Fahrtwind vernünftig ins Gesicht bläst und zwinge mich zum Aufwachen.

Ich kritzle die Adresse aufs Protokoll, funke ein wenig, und denke mir irgendwann, als der Schlaf allmählich verfliegt und das strange Bauchgefühl bleibt, dass wir für so eine banale Berufungsursache doch ziemlich flott unterwegs sind. Der RTW schleust sich sehr dringlich durch den Nachmittagsverkehr. Mein Bauchgefühl kriecht irgendwann aus dem Bauch den Rücken hinauf in Richtung Nacken und sitzt dort. Nicht unangenehm, oder störend. Es sitzt nur dort und macht mich etwas kribbelig. Das tut es sonst eigentlich nicht.

Mein Lenker sagt nicht viel während der Fahrt, aber okay, das tut er nie. Nachdrücklich hörndlt er sich durch die Stadt, bläst sich stärker als sonst die Straße frei und geht öfter als sonst auf Konfrontationskurs mit dem Gegenverkehr als ich es von ihm gewohnt bin. Als wir bei einem netten kleinen Häuschen im Grünen ankommen kommt über Funk die Info aus der Leitstelle "Leute, das ist eine Telefonreanimation."

Der Rest läuft wie gehabt. Reanimationsalgorithmus, ich versemmle 2 Zugänge (ohne Kreislauf sticht es sich nicht einfach nicht gut), mein Lenker intubiert, der Notarzt erklärt unsern Patienten nach einer Viertelstunde Wiederbelebung und ein bisl Adrenalin im Beisein der Familie offiziell für tot. Alles sehr in Ordnung, die Angehörigen sind gefaßt - mit knapp 100 Jahren darf man sterben, das ist schon in Ordnung, aber eben trotzdem nicht schön - der Notarzt ist okay, man kann nicht klagen.

Wie immer dauert der Papierkram und das Reden mit der Familie unterm Strich länger als die eigentlichen medizinischen Maßnahmen. Schließlich trete ich aus dem Häuschen hinaus zu dem Schattenparkplatz, wo mein Sani inzwischen den Defi wieder nachgefüllt hat und mein Lenker mit Sonnenbrille und einer Zigarette im Mundwinkel an den RTW gelehnt dasteht. Sein Gesicht verzieht sich zu einem Zwischending aus einem Lächeln und etwas anderem und er meint: "Manchmal weiß man's vorher schon, findest du nicht?"

Ja. Manchmal weiß man's wirklich vorher schon. Egal, was da eigentlich am Display steht.

Dienstag, 10. Mai 2011

Neulich am Polizeifunk

Der Patient liegt fix und fertig versorgt im RTW und ärgert sich, daß er nicht doch das Geld in ein Taxi investiert hat (nicht behirnend, daß es weitaus schlimmere Dinge als Führerscheinentzug gibt, die ihm passieren hätten können). Die Feuerwehr schleppt unter genauer Beobachtung von ca. 15 Schaulustigen (und das um 23:00 ...) das demolierte Unfallfahrzeug im allgemeinen Blaulichtgewitter davon.

Der Polizist und ich stehen nebeneinander, jeder erledigt seinen Papierkram. Dienstnummern austauschen, Unfallhergang besprechen, er schreibt irgendein Strafverfügungs-Teil, ich meinen Schein, wir dokumentieren, -tieren, -tieren.

"Leitstelle für Sieglinde 7(*)!" kräht plötzlich das Funkgerät an seinem Gürtel.
"Kommen!" hört man den Gerufenen zurückfunken.
"Blahblahstraße, gegenüber von Nummer 19. Da steht ein weißer VW Kombi....." [Pause] .... "da drin ........ vergnügen ... sich 2 Personen. Schaut euch das mal an."
Vor meinem inneren Auge sehe ich den Leitstellendisponenten, der vermutlich gerade vor sich hingeschwitzt hat, wie er "Sex im Auto" funkdisziplinarisch brauchbar formulieren kann.
"Verstanden."
"Aber seit's zärtlich, nicht daß wir den RD (Rettungsdienst) auch noch brauchen."

(Ich habe nicht laut gelacht, ich schwöre. Ich war zu baff.)




(*) Rufbezeichnung des Fahrzeugs geändert. Ja, wirklich. Es gibt hier keine Autos, die Sieglinde heiße ;)

Mittwoch, 23. März 2011

Die Uhr tickt

Nein, manchmal hab ich keine Lust aufzustehen. Wirklich nicht. Das sich-aus-dem-Bett-treten erfordert bisweilen erstaunliche Verrenkungen, um den dazu nötigen A...tritt selbst in der nötigen Stärke zu produzieren. Nicht wegen müde und so ... müde bin ich eigentlich immer. Es sagen mir auch ständig alle, ich würde unglaublich müde aussehen. Müde ist aber kein Grund, um nicht aufzustehen. Nichtmal krank ist wirklich ein Grund um nicht aufzustehen.

Einfach nicht zu wollen, ist durchaus ein Grund, um nicht aufzustehen. Gilt aber nicht. Und dienstbeflissen wie ich bin, geh ich unterrichten. Und malen. Und trainieren. Und ins Büro. Und auf den RTW. Kein Stillstand. Stillstand induziert Grübeln. Grübeln ist nicht gut.

Und dann kommt so ein Dienst. Und man sieht - so schnell kann es vorbei sein. Einfach so, ohne Vorankündigung. Machtlos reanimierst du dich im Angesicht tränenüberströmter Angehöriger in den Muskelkater deines Lebens, viertel-, halbestundenlang. Das EKG wird immer mieser. Du drückst immer weiter. Vor einer Stunde ist der gute Mann noch vorm Fernseher gesessen, vor dem wir jetzt knien und ihm über den i.o. Zugang das 6. Milligramm Adrenalin hineindrücken.

Irgendwann zeigt es sich dann allmählich, das sterbende Herz, und die Nullinie bahnt sich an, und da kriegst du die Leute nicht mehr raus. Die Doktorin, Realistin und Mensch zugleich, erkennt die Lage für das, was sie unter diesen Bedingungen und nach einer Dreiviertelstunde CPR nun einmal ist: aussichtslos.

Es folgt ein erschütternder Berg an Bürokratie und Zeugs - Angehörigenbetreuung, Einsatzprotokolle, Reanimationsprotokolle, Einsatznachbesprechung, Aufräumen. An der Pinnwand im Vorzimmer: "Für meine Liebste eine Gutschein für ein Wochenende zu zweit".

Im Hinterkopf: vor einer Stunde hat er noch gelebt.

RTW einsatzbereit machen. Letztes Protokoll fertigschreiben und das dann noch 3x kopieren. Durchschlag vom Notarztprotokoll holen. Eine rauchen. Ok, es geht weiter.

Vor einer Stunde....

Nein, manchmal hab ich keine Lust, aufzustehen. Auch, wenn ich brutal vor Augen geführt bekomme, wie schnell es passieren kann, daß man nicht mehr aufsteht.
Aber wenn dann aufgestanden worden ist, weiß ich dafür das Schöne mehr zu schätzen. Die Leute, denen ich am Herzen liege. Die Sonne, die mir endlich wieder ins Gesicht blinzelt. Die erste Eiskugel der Saison (Kokos!). Ein liebes Wort hier, ein Lächeln da. Denn die Uhr tickt.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Warum eigentlich?

Ich hab mal nachgedacht.

(Pause bis alle Flüchtenden den Raum verlassen haben).


Ich habe mir den letzten Blogeintrag ein wenig durch den Kopf gehen lassen ... auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, warum viele Rettungsdienstler so heikel auf ihr Auto sind.
Nein, ich pauschalisiere jetzt nicht, auch wenn's verlockend ist ... das ist sicher nicht bei allen so. Die einen achten mehr auf ihr Fahrzeug, die andern weniger. Bei meinem Lenker zum Bsp. hat sich bereits eine derart innige Beziehung zu seinem Lieblings-RTW aufgebaut, daß Glückwünsche zu Weihnachten oder Entschuldigungen nach Schimpftiraden - ans Auto wohlgemerkt! - schon zur Tagesordnung gehören.

Aber potentielle Störenfriede, die Türen aufreißen und ungefragt ins Auto krachen, lösen, denke ich, nun doch bei fast allen allergische Reaktionen aus.

Aber warum eigentlich?

Sicher, bei meinem Privatwagen (wenn ich denn einen hätte ...) wäre mir das auch immens unrecht, wenn ein Wildfremder aus dem Nichts erscheint, die Tür öffnet und stänkernd versucht, einzusteigen. Aber immerhin wäre das mein Auto. Der RTW unterliegt zwar unserer Verantwortung und ist ein gehöriges Eck teurer als der 0815-Standard-PKW- aber er gehört niemandem aus dem Team. "Besitzdenken" ist es also, glaube ich, nicht.

Und daß Leute, die uninstruiert ins Auto einsteigen, gleich alles zerstören, was sie in die Finger kriegen und die Mannschaft dann dafür belangt wird ... najaaaaaaa ... Der RTW an sich ist recht robust, so leicht kann man da drin auch wieder nix hin machen. Das isses dann wohl auch nicht.

Nach ein wenig Hin- und Herschieben des Gedankens im Kopf, glaub ich jetzt, es ist vielleicht sowas wie Hausfriedensbruch.

Dazu muß man wissen - der RTW ist die letzte Bastion. Die Festung. Das Ziel - versorgen können wir den Patienten überall, aber da drin können wir richtig arbeiten. Da drin ist alles, alles von dem man 90% ohnehin nie braucht - aber sollte man nun doch eine Koniotomie machen müssen, liegt das Zeug bereit, in einer der 15 Schubladen, Ausziehschränke, Schüttenfächer. Der RTW ist ein kleines Stück Sicherheit und Normalität, das wir zum Einsatzort mitnehmen, bei dem wir oft genug nicht wissen, wie er aussieht, oder was dort wirklich passiert. Egal, wie verrückt die Leute da draußen sind, egal, ob Gebäudebrand oder Psychose oder Schlägerei ... im Auto läuft es nach unseren Regeln, dort haben wir den Heimvorteil.

Vielleicht ist es deswegen, wie es ist. Das ist nicht nur die Autotür, die ein Fremder ungefragt aufreißt. Das ist, als würde er einfach in deine Wohnung kommen, den Kühlschrank leerfuttern und sich nackt in dein Bett legen.

In diesem Sinne: vorsorglich alles Liebe zum Valentinstag, lieber RTW :-)

Mittwoch, 9. Februar 2011

Wie man sich unbeliebt macht

Es gibt ein paar ganz einfache Punkte:

1)
Man trinke. Nicht allseits mehr oder weniger unbegrenzt verträgliche Kombinationen wie Apfelsaft mit Wasser aufgespritzt oder diverse Limonaden.
Man trinke irgendwelche alkoholhaltigen Getränke. Die Geister scheiden sich daran, ob es effektiver ist, möglichst viel durcheinander zu trinken oder sich einfach das Härteste vom Harten in ausreichender Dosierung hinter die Binde zu kippen. Fakt ist: a gscheida Fetzn ist schon mal eine gute Basis. Und bitte - ja kein Kaugummi!

2)
Es gibt ja solche und SOLCHE. Die solchen sind amüsant, auf ihre eigene Art und Weise. Sei es, weil sie zusammenhanglosen Stuß reden und damit für Erheiterung sorgen oder, weil sie einfach süß-hilflos sind und damit rudimentär vorhandene Muttergefühle wecken. Die SOLCHEN sind die, deren Verhaltensweisen man sich aneignen sollte, will man sich unbeliebt machen: sie sind
- laut
- ungehobelt
- unkoordiniert bis aggressiv, im Regelfall aber beides in deutlicher Ausprägung

Die Herausforderung hierbei besteht bitte darin, 1) nicht so zu übertreiben, daß man zu 2) nicht mehr fähig ist!


Mit diesen beiden ersten Punkten hat man schon mal wirklich das Gröbste geschafft.
Wie man es aber endgültig hinkriegt, dauerhaft unangenehm aufzufallen, bedingt ein gewisses Maß an Cojones in der Hose: man muß nämlich zu einem Rettungswagen, der mit einem Patienten soeben auf die Spitalseinfahrt zufährt, zurennen, sich gebärden wie ein Irrer und - sobald der Wagen mißtrauisch etwas abbremst, denn man könnte sich ja im Affekt auf die Straße werfen - die Beifahrertür aufreißen und, gepaart mit dem begleitenden, die Nase umschmeichelnden Duft aus Punkt 1), inkohärentes Geschwafel in die Fahrerkabine entlassen.

Schneller kann man kaum Freundschaften schließen.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Wenn das Herz stehen bleibt 2/2

"Weiblich, 3 Monate", lese ich vor, ungläubig. Ich lese das ganze leise für mich noch 3x, bevor mir klar wird: Scheiße, das steht wirklich da.

Mein Lenker wiederholt ungläubig "3 Monate?!", reißt für einen Moment den Blick von der Fahrbahn, starrt auf den Schirm, quittiert die Info mit Schweigen und schaltet das Folgetonhorn auf Dauermodus.

Ich rufe dem Team, das im hinteren Teil des RTW sitzt, durch das kleine Schiebefenster, zu, worum es geht. Meistens bewirkt das mehr oder weniger reife Kommentare über den möglichen Unfallhergang ... aber nicht diesesmal.
Die einzige Antwort ist auch hier: "3 Monate?!", ich schreie über das Kompressorhorn, das gerade die Straße freibläst, zurück: "Ja!" und ernte auch hier: Schweigen.

Ich schließe kurz die Augen.

Eines nach dem andern.

Ich falte das Einsatzprotokoll und verstaue es in einer Jackentasche.
Ich ziehe mir Handschuhe an. Vor Jahren, in meinem allerersten Dienst überhaupt, als frischer Azubi am Auto, da haben mir die Hände gezittert, als wir von Einsatz zu Einsatz gurkten. Erste Schlägerei. Erstes Kind mit Atemnot. Erste ausgeschlagene Zähne. Erste gastrointestinale Blutung. Erste unklare Brustschmerzen.
Danach nicht mehr.

Bis heute.

Ich lege die behandschuhten Hände flach auf meine Oberschenkel, zwinge mich zum Tiefdurchatmen – und siehe da, all das Training, der ganze Drill während der Ausbildung, die ganzen Fortbildungen ... alles macht sich bezahlt. Als mir nach Sekunden wie von selbst und ganz mühelos der Reanimationsalgorithmus für Säuglinge einfällt, verschwindet das Zittern, und mit ihm die Nervosität. Beides weicht einer gesunden Anspannung. Ich teile mein Team ein.

Der RTW plagt sich in maximal vertretbarer Geschwindigkeit die Zufahrtsstraße (steil und schmal) entlang, bremst sich vor einem wirklich unbeschreiblich mies beschilderten Häuserkomplex ein – wir sind nach einer wirklich guten Fahrt-Zeit die ersten, noch kein NEF in Sicht – wir springen raus, schnappen die Ausrüstung und sprinten los, auf der Suche nach dem richtigen Gebäude.

Nichts ist beleuchtet, kein Einweiser in der Zufahrt, nirgends ein offenes Fenster ... es dauert einen Moment bis wir das richtige Haus gefunden haben, nur ca 30 Sekunden. Mit dem Bild eines leblosen, blauen Babys im Hinterkopf fühlen die sich allerdings ganz schön lange an....

Unten an der Eingangstür des Wohnblockes steht jemand, winkt uns hinauf in eine Wohnung im ersten Stock.
Zwei Stufen auf einmal.
Um die Ecke.
Durch die Tür.
Vorzimmer.
Wohnzimmer.
(Warum dauert hier auf einmal alles so lange?!)

Und da steht der Großvater des Babys, mit ebendiesem im Arm.
Es ist rosig. Die Augen sind offen. Es bewegt sich. Es atmet.
Es atmet!
Es ist rosig!
Es atmet!

Wir spulen brav unser Programm ab.

Anamnese ("ich glaube, sie hat ganz kurz nicht geatmet, aber sie war nicht blau"). Werte erheben, so gut es bei so einem kleinen Zwuz eben geht (alles im Normbereich). Das NEF kracht ein paar Minuten nach uns in die Wohnung und für die Eltern muß es etwas seltsam ausgesehen haben, wie ein Team von 5 Sanis und einem Notarzt schlußendlich ein auf dem Tisch liegendes Baby einkreist....

"Schau wie süß!"
"Die kleinen Fingerchen!"
"Und die Zehen!"
"So schön, daß wir dich nicht reanimieren müssen ..."
"Und wie fest sie greifen kann!"
.....


Die Erleichterung steht allen ins Gesicht geschrieben, uns fast noch mehr als den Eltern.

Es dauert eine Weile und etliche Zigaretten, bis wir alle unseren Adrenalinflash etwas verdaut haben. Und ausnahmslos alle sind sich einig – zum Glück ist nur uns das Herz stehen geblieben bei dieser Alarmierung, und nicht dem kleinen Zwuz. Du hattest Recht, Wallace ;-)

Man muß wirklich nicht alles haben.

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Wenn das Herz stehen bleibt 1/2

Hierzulande wird man im Rettungsdienst mit allerlei Codes bombardiert. Es gibt sie in diversen Ausführungen und Abstufungen und mit mehr oder minder verwertbarem Informationsgehalt, so wie das berüchtigte

26a1 - kranke Person, keine Notfalleitsymptome

Besonders brauchbar ist auch

26b1 - unbekannter Zustand

... tja, saug's dir aus den Fingern ...

Zuweilen können die Codes auch unfreiwillig amüsant sein ...

26a7 - Akute Unbeweglichkeit
26o19 - Nervosität
26o23 - Penisprobleme


Sie sind so aufgebaut, daß die Zahl zu Beginn grob die Erkrankung oder Verletzung vorgibt, mit der man es zu tun haben wird. Alle 5er drehen sich beispielsweise in irgendeiner Form um den Rücken. Und je weiter sich die folgenden Buchstaben und Zahlen von a wie alpha bis e wie echo und von 0 fortlaufend zusammensetzen, umso schlechter gehts demjenigen welchen. So bedeutet 5a1 "nicht traumatische Rückenschmerzen" (tun wohl weh, sind aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht lebensbedrohlich), wohingegen ein 5d3 schon "Rückenschmerzen mit Bewußtseinstrübung" (= oh, oh ...) heißt.

Als wir nun im letzten Nachtdienst durch die Stadt cruisten, von einem reichlich harmlosen Einsatz kommend und beratschlagend, ob man es wagen könnte, sich dem großen gelben M zu nähern, das in absehbarer Entfernung auftauchte, trötete der Datenfunk - ein Geräusch, das mich irgendwie immer an Raumschiff Enterprise erinnert.

Die Blicke wandern hoch.
Hinter dem Pop-Up, in dem "Neuer Einsatz empfangen" steht, kann man die ersten Buchstaben des Einsatzcodes erkennen.
9e....

9 ist alles, was mit Tod und Sterben zu tun hat. "e" bedeutet hier, daß der Mensch gerade am besten Wege ist, sich zur ewigen Ruhe zu betten.
Ich klicke das Pop-Up weg, die Berufungsadresse erscheint, der Code wird völlig lesbar:
9e1 - Atemstillstand.

Ich schnappe mir mein Protokoll, mein Lenker neben mir steigt ins Gas, wir sausen los - und ich öffne das Feld mit der Zusatzinfo, und da steht:
"weiblich, 3 Monate alt"

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Wie der ...

... Einsatz unterm Strich ausgegangen ist, weiß ich nicht. Und ich hasse das.

Da kommst du hin, auf der Couch liegt ein - eigentlich sonst pumperlgsunder Mittvierziger - in einem Zustand, bei dem ich mir nach 2 Minuten sicher bin: Notarzt bitte. Ohne Doktor an meiner Seite will ich den Mann nicht ins Krankenhaus bringen.

Kopfschmerzen hat er, jetzt seit einer Viertelstunde, ganz plötzlich und so schlimm, daß er kaum mehr die Augen aufbringt. Erbrochen hat er seither mehrmals, seit er liegt ist die Übelkeit aber nicht mehr so schlimm. Und dann ... können wir eine leichte Pupillendifferenz feststellen, während wir auf den Doc warten ... nicht gut. Riecht nach Hirnblutung.

Und wir warten doch eine ganze Weile - es ist viel los diese Nacht. Bei meinem motivierten, braven Team sind die wichtigen Handgriffe schnell getan, Atemweg ist rasch per Esmarch-Handgriff gesichert, Neurocheck, im Nu hängt der Patient am EKG (unauffällig), Werte sind gemessen (bis auf leicht erhöhten Blutdruck alles im Normbereich), Sauerstoff wird mit 10 l/Minute gegeben, i.V. Zugang ist vorbereitet (einmal mehr frustet es mich, noch nicht stechen zu dürfen ... hier wäre das wirklich mal sinnvoll), in 5 Minuten Intervallen wird der Blutdruck nachgemessen... und irgendwann bleibt uns nichts anderes mehr übrig, als zu warten. Die Vorgeschichte und Daten des Patienten sind dank äußerst kooperativer Ersthelfer auch schnell erhoben und ich kritzle die Dokumentation vor mich hin. Schaue mir zum 20. Mal den EKG-Streifen an. Und die Sauerstoffsättigung. Und den Blutdruck. Und fühle mich etwas hilflos. Jetzt wäre der Moment, wo wir in einer kurzen Hau-Ruck Aktion den guten Mann in den RTW verfrachten und flottamente auf die Stroke fahren. Und ich muß warten.

Und so warten wir. Gerade, als ich daran denke, in der Leitstelle mal nachzufragen, ob der Doc gedenkt aufzutauchen, taucht er auf - als NAW. Sticht, hängt eine Infusion dran, hört bei der Übergabe wie halt oft üblich nur halb zu, packt Patient ein, fährt.

Wieder einmal wird man nie erfahren, was daraus geworden ist.
Und das frustet auch.

Mittwoch, 22. September 2010

Mega-Epic-Fail

Betrunken.
Mit dem Auto des Vaters.
Den Freund am Beifahrersitz.
Beide nicht angeschnallt.

Und ohne Führerschein.


Fazit: ein Schädel-Hirn-Trauma, eine offene Nasenbeinfraktur und 2 geschrottete Autos. Wenn, dann gscheid.

Montag, 6. September 2010

back to reality

Metall auf Metall.
Aufplatzende Airbags.
Der Sicherheitsgurt preßt die Luft aus den Lungen. Festhalten? Keine Chance. Arme, Beine, Kopf, Organe - alles Marionetten der Physik.

Hinten im Patientenraum - dumpfer Aufprall ... und dann nichts mehr.

Augen wieder öffnen.

Das andere Fahrzeug ist in die Fahrertür gekracht - dein Lenker neben dir ist eingeklemmt. Dein Sani hinter dir liegt am Boden im Patientenraum und rührt sich nicht, weil er nicht angeschnallt war und nicht mal den Hauch einer Chance hatte, irgendwie zu verhindern, mit dem Schädel auf die Inneneinrichtung des RTW zu knallen.

Du selbst bist noch übrig, vergleichsweise fit - weil du einfach Schwein hattest und auf der geschützteren Seite des RTW gesessen bist.

Und kannst jetzt anfangen, deine Kollegen und den Unfallgegner zu triagieren, bis die nachgeforderten Kollegen eintreffen.

......................................................................................

Nein, es ist so nicht passiert
. Aber es war knapper, als uns allen lieb war.

About

Ein bunter Mix aus Sanitätergedanken, Studentenqualen, zuwenig Schlaf, drei Jobs und einem zum Teil etwas wirren Privatleben. Lesen auf eigene Gefahr. Dass Beiträge immer verständlich und klar formuliert sind, wird hier nicht garantiert.

Zum Rauszoomen ...


Massive Attack
Paradise Circus



Clara Luzia
Here's To Nemesis

Das kleine....

Früher, als das Gras noch grün und die Kühe noch fett waren ...

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Wow ... Schon soviele?

Little Mia is watching :-) ...

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Zuletzt aktualisiert: 28. Jan, 01:32

Disclaimer

Eh klar. Alles erstunken und erlogen. Keine Ähnlichkeiten zu wem auch immer, egal ob lebend, tot, fiktional. Und mich gibt's in Wirklichkeit auch nicht.

... and the Oscar goes to ...
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die gewisse Grundgröße: 6 m!
die universität macht naturtalente bläd
die wände hoch, die straßen entlang ...
feiertags-wahnsinn
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gute Idee - schlechte Idee
im auftrag eurer eiligkeit
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